„Die lange Nacht der Wissenschaften“ – Kurzvorträge der Studierenden

Erlanger Studierende berichten auf der Wissensnacht von aktuellen Projekten des Studiengangs.

Lange Nacht der Wissenschaften

Bericht zur 5. langen Nacht der Wissenschaften 2011

Bereits zum fünften mal wurde am 22. Oktober 2011 in Erlangen, Fürth und Nürnberg die lange Nacht der Wissenschaften veranstaltet und interessierten Besuchern Einblicke in die faszinierende Welt der Wissenschaft ermöglicht. Auch diesmal ließen es sich die Studentinnen und Studenten von Ethik der Textkulturen nicht entgehen, ihren Studiengang mit einem vielfältigen und spannenden Programm vorzustellen. Der von den Studierenden selbst organisierte Abend stand hierbei unter dem Motto: „Zeitlose Ethik – ethiklose Zeiten?“ – eine Frage, die ihrerseits wohl ebenso zeitlos wie aktuell sein dürfte. Dies verdeutlichten auch die stündlich gehaltenen Vorträge, die in ihrer thematischen Vielfalt einen guten Überblick über die Bandbreite der Fragestellungen einer Ethik der Textkulturen bieten konnten.

Manuel Kunze: Wachstum. Ethik.

Gerechtigkeit So ging Manuel Kunze unter dem Titel „Wachstum. Ethik. Gerechtigkeit“ zunächst auf die Grenzen eines neoliberalen Wirtschaftssystems ein. Gerade in aktuellen Krisenerscheinungen zeigen sich diese Grenzen deutlich und lassen die Logik eines unendlichen Wachstums in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und ökologischer Hinsicht mehr als fraglich erscheinen. Mit dem Verweis auf Fakten wie der Tatsache, dass etwa ein Viertel der Weltbevölkerung, die Menschen in den Industrieländern, rund 80 Prozent der produzierten Energie und Rohstoffe verbrauchen, lässt sich nach Manuel Kunze eine riesige Kluft und ein Widerspruch zwischen der Idee grenzenloser Expansion und der Tatsache, dass die Welt endlich ist, feststellen. Doch der Vortrag bleibt bei dieser Feststellung nicht stehen, sondern versucht, aus der Kritik konstruktive Vorschläge für eine verändernde Praxis zu gewinnen. So gilt es aus ethischer Perspektive die Fragen nach der Verteilungs- und Generationengerechtigkeit von Gütern, Ressourcen und Lebensstandart neu zu stellen: Inwiefern müssten wir fairer- und gerechterweise unseren aktuellen Lebensstandard verändern, d.h. reduzieren, damit alle Mitglieder der Weltgesellschaft und zukünftige Generationen einen einigermaßen ähnlichen Lebensstandard haben könnten?

Tabea Kraus: Die Hagia Sophia in Istanbul: Kirche. Moschee. Museum Wem gehört die Hagia Sophia?

Den Christen, die sie erbaut haben und fast ein Jahrtausend als Kirche nutzten, den Muslimen, die sie zur Moschee weihten und dadurch für ihre Erhaltung sorgten anstatt sie verfallen zu lassen, oder den Touristen, die sich heute darin tummeln? Diese Frage stellte Tabea Kraus in ihrem Vortrag „Die Hagia Sophia in Istanbul: Kirche. Moschee. Museum“, der zugleich ein persönlicher Erlebnisbericht war. Als Teilnehmerin einer Exkursion des Ethik-Studiengangs nach Istanbul, welche im Herbst 2011 stattfand, hatte sie nämlich die Gelegenheit, eine der größten Attraktionen dieser Stadt, die Hagia Sophia, vor Ort zu besuchen. Dieses monumentale Bauwerk, dessen lange Geschichte von den Machtkämpfen und Vereinnahmungen christlicher und muslimischer Religion geprägt war, hat heute als Museum nahezu jeden religiösen Charakter verloren. Dies äußert sich wohl am deutlichsten in einem in der Hagia Sophia geltenden Beetverbot, aber auch darin, dass neben den muslimischen auch die christlichen Mosaike wieder freigelegt wurden. So kann das Nebeneinander, Übereinander und Miteinander der beiden Religionen in einem Bauwerk bestaunt werden. Zum Abschluss des Vortrages wurde allerdings auch eine kritische Frage aufgeworfen: muss denn, um ein Miteinander der Kulturen zu ermöglichen, erst die Macht des Religiösen verbannt werden? Oder anders gefragt, kann Religion nicht auch ohne Macht funktionieren? Ein Urteil darüber, ob die Nutzung der Hagia Sophia als Museum diesem geschichtsträchtigen Bauwerk und dessen religiöser Vergangenheit gerecht wird, bleibt also ambivalent. Tabea Kraus jedenfalls wünscht sich eine Hagia Sophia, in der Christen und Muslime beten und Touristen staunen dürfen.

Arianna Toricelli: Hoffnung. Eine literarische Gebrauchsanweisung

Im Anschluss stellte Arianna Toricelli mit ihrem Beitrag „Hoffnung. Eine literarische Gebrauchsanweisung“ den Zusammenhang von Hoffnung und ethischer Verantwortung heraus und ging auf literarische Spurensuche, um Antworten auf die Frage zu finden: „was ist Hoffnung?“. Versuche der Hoffnung literarisch und philosophisch eine Stimme zu geben gibt es dabei viele, Arianna Toricelli stellte mit den Paulus Briefen und Ernst Blochs monumentalen Werk Das Prinzip Hoffnung zwei prägende Werke vor, deren Autoren sich an eine Gemeinde bzw. die Gesellschaft wandten und angesichts hoffnungslos erscheinender Umstände engagiert für die Hoffnung eintraten. Die Botschaft, die aus diesen so unterschiedlichen Werken zur Hoffnung gelesen werden kann, ist eine zeitlose, die auch oder gerade heute Aktualität und Relevanz beanspruchen kann. Hoffnung heißt hier nicht, im Vertrauen auf fremde Mächte oder eine bessere Zukunft zu verharren. Es ist vielmehr notwendig wach zu bleiben, sich aktiv und verantwortungsvoll mit dem eigenen Leben zu beschäftigen, ohne der Gegenwart entfliehen zu wollen und in einer anderen utopischen Dimension zu leben. Hoffnung ist somit Leidenschaft für das Mögliche und eine bewusste Entscheidung für die Hoffnung. Dabei ist sie allerdings nie nur persönlich, sondern immer auf andere und die Hoffnung der anderen bezogen. Hoffnung wird so zu einer ethischen Aufgabe, da sie nicht nur Verantwortung für das eigene Leben sondern auch für das der anderen bedeutet. Vielleicht lässt sich die Frage nach einer Definition der Hoffnung aber auch viel einfacher und treffender beantworten mit: „Sperare significa non smettere di credere che puoi ancora farcela. – Hoffen heißt, nicht aufzuhören zu glauben, dass man es noch schaffen kann.“ Die Antwort, die ein Kind, Arianna Toricellis kleiner Cousin Nicolo, auf diese Frage gegeben hat.

Eva Spanier: Interkulturelle Unterschiede beim Fluchen und Schimpfen im Vergleich Deutsch-Rümänisch

Eva Spaniers Vortrag „Interkulturelle Unterschiede beim Schimpfen und Fluchen im Vergleich Deutsch – Rumänisch“ gehörte sicherlich mit zu den unterhaltsamsten Momenten des Abends. Dabei näherte sie sich dem Thema zunächst theoretisch bzw. malediktologisch – Malediktologie bezeichnet nämlich die Wissenschaft, die sich mit dem Schimpfen und Fluchen auseinandersetzt. Geschimpft und geflucht haben die Menschen wohl schon immer und so kann man hierbei von einer conditio humana ausgehen, welche zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu beobachten ist. Auch wenn die Flüche und Beschimpfungen von Kulturkreis zu Kulturkreis sehr unterschiedlich ausfallen können, ist ihnen ein kathartischer Effekt und die Verwendung eines Vokabulars, welches sich aus sexuellen, religösen und fäkalsprachlichen Tabus speist, gemeinsam. Die Unterschiede wurden im anschließenden Vergleich deutschen und rumänischen Fluchens mit vielen konkreten Beispielen und auch Filmausschnitten vorgeführt. Dabei zeigte sich vor allem, dass rumänisch Fluchende nicht nur derber und direkter schimpfen, sondern dabei auch eine hohe Kreativität in der Bildung kunstvoller, waghalsiger Fluchgebilde beweisen. Da sich das deutsche Repertoire an Flüchen und Fluchvokabular im Vergleich deutlich wortkarger und weniger erfindungsreich zeigt, ist es teilweise auch nahezu unmöglich, einen sich über mehrere Zeilen erstreckenden rumänischen Fluch angemessen zu übersetzen. Neben aller Unterhaltung, die die Versuche solcher Übersetzungen von Eva Spanier boten, zeigt sich hier auch eine hermeneutische Dimension, die am Beispiel von Schimpfen und Fluchen die generelle Schwierigkeit einer kultur- und sprachübergreifenden Verständigung deutlich macht.

Daniel Falkner: Streitlose Zeiten – Für eine Ethik des Streites

Ebenso wie immer schon geflucht und geschimpft wurde, kann man wohl davon ausgehen, dass sich die Menschen, seit sie miteinander kommunizieren und sich in ihren Gedanken wie Meinungen gegenseitig verständlich machen können, auch miteinander gestritten haben. Und obwohl der Streit meist negativ konnotiert ist und als zu vermeiden gilt, stellte Daniel Falkner in seinem Vortrag „Streitlose Zeiten – Für eine Ethik des Streites“ die These auf, dass gerade in den heutigen politischen Debatten zu wenig und nicht ernsthaft gestritten werde. Der Grund hierfür kann in einem allgemein vorherrschenden Konsensdruck gefunden werden. Die durchaus sinnvolle und erstrebenswerte Orientierung an einer Einigung in Streitfragen ist demnach zum unhinterfragten Dogma und zur leeren Phrase der politischen Kommunikation geworden. So wird eine kritischen Auseinandersetzung mit den zur Frage stehenden Streitthemen und das ernsthaften Austragen auftretender Differenzen verhindert. Seinen theoretischen Ausdruck findet dieser Konsensdruck in der Diskursethik von Jürgen Habermas. Anhand einer Kritik an dieser Theorie zeigte Daniel Falkner das verlorene Potential an Innovation und Kreativität, das im Streit liegt, auf, wies aber auch darauf hin, dass ein solches Streiten nach gewisser Regeln des moralischen Miteinander und im Rahmen gegenseitiger Anerkennung geschehen muss und daher einer Ethik des Streit bzw. einer Streitkultur bedarf.

Trotz fehlender „Zaubervorlesung“ im Audimax, die in den Jahren zuvor für hohe Besucherzahlen in den Türmen der Philosophischen Fakultät gesorgt hatte, waren die Vorträge bis in die späte Nacht hinein sehr gut besucht und stießen auf große Resonanz, wie die angeregten Diskussionen jeweils im Anschluss gezeigt haben. Doch nicht nur die Vorträge selbst konnten begeistern. Ein liebevoll gestalteter und dekorierter Raum, ein buntes Rahmenprogramm und das Engagement aller aus dem Studiengang beteiligten sorgten für eine angenehme und anregende Atmosphäre. So sorgte das Barteam nicht nur dafür, dass an diesem Abend niemand Durst leiden musste, sondern beantworteten auch freundlich die viele Fragen, die von interessierten Besuchern bezüglich Ethik der Textkulturen gestellt wurden. Gleich gegenüber gab es bei einem Bücherbasar die Möglichkeit, sich für geringes Entgelt mit Büchern und literarischen Werken einzudecken.

Besonders hervorzuheben ist auch die von Florian Filler erstellte Plakatausstellung zu der bereits erwähnten Exkursion des Studiengangs nach Istanbul. Auch wenn die Nacht für alle Beteiligten tatsächlich eine sehr lange und sicher auch anstrengende war, kann sie im Rückblick als großer Erfolg in jeder Hinsicht verbucht werden. Vielen Dank an alle, die durch ihre Beiträge und Mithilfe diesen gelungenen Abend ermöglicht haben!

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