Bericht zum Lektüreseminar zu Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“ in Pottenstein (März 2023)


Nach zwei Vorbesprechungen noch im Laufe des Semesterbetriebs fanden wir uns Anfang März gemeinsam mit Herrn Bielefeldt und einem sechs Personen großen Team aus Studentinnen des Masters „Ethik der Textkulturen“ zu unserem Lektüreseminar zu Immanuel Kants Schrift Zum Ewigem Frieden in unserer Unterkunft in Pottenstein ein. Das Haus in der Fränkischen Schweiz mit einer Terrasse, von der aus man das Dorf im Tal überschauen konnte und die Burg auf dem gegenüberliegenden Berg immer vor sich hatte, lieferte eine malerische Atmosphäre – und die Basis für einen fruchtbaren Denkraum, in den wir uns von der ersten Minute an gemeinsam gut einfinden konnten. Die Pottensteiner Sonne begleitete uns mit fast frühlingshafter Wärme die gesamten Tage hindurch, sodass wir viele unserer Lektüre- und Kurseinheiten sogar auf der Terrasse verbringen konnten.

Die Struktur unseres Kurses orientierte sich am Aufbau des Textes. In seiner der Form nach an Friedensverträge der Entstehungszeit angelegten Schrift aus dem Jahr 1795 schreibt Kant über die Bedingungen und die Möglichkeit eines rechtlich abgesicherten Friedens. Frieden, so ist vielleicht die oder wenigstens eine zentrale These der Schrift, ist uns nicht gegeben, sondern etwas, das erarbeitet und vor allem rechtlich gestiftet und abgesichert werden muss:

„Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturzustand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er muss also gestiftet werden. Denn die Unterlassung von Feindseligkeiten ist noch keine Garantie für Frieden.“

Kant, Zum Ewigen Frieden, S. 13f.

In gemeinsamen Lektüreeinheiten sowie durch von einigen Studentinnen vorbereiteten Vorträgen und viele Diskussionsrunden – angeleitet von den konstruktiven Inputs Herrn Bielefeldts – hangelten wir uns entlang der Präliminar- und Definitivartikel und Zusätze des Textes in Richtung Kants Theorie eines ewigen Friedens.

Dabei begleitete uns die Perspektive auf Kant als Reformer. In seiner Arbeit bewegt sich der Philosoph zwischen dem Bewusstsein darüber, dass der ‚ewige‘ Frieden lediglich ein „Leitstern“ sein kann, zu dem man sich höchstens in unendlicher Annährung befindet, und der Notwendigkeit, das Hier und Jetzt zu verbessern. Anstatt dafür die „alte“ Welt der Kriege und Konflikte über eine Revolution umzustürzen und auf den Trümmern der Vergangenheit etwas Neues zu errichten, sucht der Philosoph vielmehr in seiner Gegenwart durch Auseinandersetzung mit dem politischen System Ansatzpunkte und Potentiale auszumachen. Trotz der Unerreichbarkeit des endgültigen Ziels bleibt der ewige Frieden etwas real Bearbeitbares, etwas, über das nicht nur im vermeintlichen Elfenbeinturm der Philosophie und Geisteswissenschaften sinniert werden kann – sondern etwas konkretes, was materielle Substanz in der Gegenwart finden kann und für das es sich einzusetzen lohnt.

Die Dringlichkeit eines Friedens und einer Perspektive, wie dieser zu schaffen sein könnte, ist mit den allerjüngsten zeitgeschichtlichen Entwicklungen eine drängende gesellschaftliche Frage. So beschäftigten wir uns auf Grundlage der Thesen des Textes schließlich am letzten Tag mit der aktuellen internationalen politischen Lage. Noch ganz wohlgestimmt vom musikalischen Vorabend, dem gemeinsamen Singen von Friedensliedern, zu denen uns Herr Bielefeldt nicht nur spannende Anekdoten zu erzählen wusste, sondern auch gekonnt am Klavier begleitete, trafen wir mit dieser Auseinandersetzung am nächsten Tag auf den schmerzhaften Boden der Realität. Sehr profitierten wir hier von den Inputs von Herrn Bielefeldt, der uns auch durch seine langjährige Erfahrung als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit bei der UN anhand sehr realer Beispiele Wege und Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten und Grenzen aufzeigen konnte. Frieden, so der Tenor dieses Tages, bedeutet keine reibungslose und stille Harmonie; Frieden ist ein Weg mit Stolpersteinen und Hindernissen, ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess – ein konfliktbehafteter, bisweilen lauter überdies, an dem ständig und an vielen Orten gearbeitet werden muss.

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.“

Kant, Kritik der praktischen Vernunft, S. 300

Es ist dieser berühmte Satz Kants, der uns nicht nur beim Bestaunen des klaren Sternhimmels an den Abendspaziergängen in Pottenstein begleitete, sondern den wir uns nach diesen intensiven, gemeinsamen Denktagen mitnehmen möchten. In jeder Gegenwart lassen sich Ansatzpunkte für das Hinarbeiten auf ein friedvolle(re)s Zusammenleben finden. Knapp 250 Jahre nach seiner Entstehungszeit vermag uns Kants Schrift Zum ewigen Frieden immer noch dazu inspirieren.