{"id":3532,"date":"2021-09-19T18:30:13","date_gmt":"2021-09-19T16:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/?p=3532"},"modified":"2021-09-20T17:48:07","modified_gmt":"2021-09-20T15:48:07","slug":"lektuere-klausur-2021-l-wittgenstein-philosophische-untersuchungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/lektuere-klausur-2021-l-wittgenstein-philosophische-untersuchungen\/","title":{"rendered":"Lekt\u00fcre-Klausur 2021: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Bericht von Jan Tabor<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/cca7c082729589136d16752380dfed22v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3540\" width=\"337\" height=\"337\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/cca7c082729589136d16752380dfed22v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-edited.jpg 357w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/cca7c082729589136d16752380dfed22v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-edited-175x175.jpg 175w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><figcaption>(picture alliance \/ dpa \/ Wittgenstein Archive Cambridge )<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>1988 stellt Claire Parnet dem franz\u00f6sischen Philosophen Gilles Deleuze im Rahmen eines 7 \u00bd Stunden langen experimentellen Gespr\u00e4chs anhand des ABCs je ein Stichwort vor, auf welches dieser sich assoziativ mal mehr, mal weniger ausf\u00fchrlich einl\u00e4sst. Auff\u00e4llig wenig Zeit\u2014kaum zwei Minuten\u2014r\u00e4umt Deleuze&nbsp;dem Buchstaben ,W\u2018 und dem dazugeh\u00f6rigen Stichwort ,Wittgenstein\u2018 ein. Deleuze spricht, nachdem er kurz betont, eigentlich gar nicht \u00fcber Wittgenstein sprechen zu wollen, schlie\u00dflich doch \u00fcber die Katastrophe, die Wittgenstein bzw. der Fall Wittgenstein f\u00fcr die Philosophie bedeute: einen massiven Regress, etwas, das als Novum auftrete, dabei jedoch nur Elend im Gewand von Gr\u00f6\u00dfe darstelle. Ernst und durchaus betr\u00fcbt wirkt Deleuze bei seinen Ausf\u00fchrungen. Was an diesen Verdikten von Deleuze, dessen mit F\u00e9lix Guattari gemeinsam verfasster&nbsp;<em>Anti-\u00d6dipus<\/em>&nbsp;im Sommer 2020 in Pottenstein gelesen wurde, dran sein k\u00f6nnte, davon konnten sich die Teilnehmer:innen in der diesj\u00e4hrigen Lekt\u00fcreklausur vom 2. bis zum 6. August selbst \u00fcberzeugen, bei der es um die&nbsp;<em>Philosophischen Untersuchungen&nbsp;<\/em>von Ludwig Wittgenstein ging.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-563x750.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3550\" width=\"286\" height=\"381\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-563x750.jpeg 563w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-278x370.jpeg 278w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-131x175.jpeg 131w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 286px) 100vw, 286px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wittgensteins zweites Hauptwerk, das seiner Sp\u00e4tphilosophie zugerechnet wird, die sich durch einen charakteristischen Wandel seines philosophischen Stils auszeichnet, erscheint\u2014mit einigen gewichtigen editorischen Eingriffen von Wittgensteins Sch\u00fcler:innen\u20141953 postum. Auffallend bereits die Textgestalt: ein, wie Wittgenstein es selbst im Vorwort nennt, \u201eAlbum\u201c, d.h. eine szenisch anmutende Aneinanderreihung teils pr\u00e4gnanter, teils ausf\u00fchrlich argumentierender und beschreibender Paragraphen, in denen auf sprachanalytischem Wege Gedanken zu weitreichenden Themenkomplexen wie Bedeutung, Verstehen, Satz, Logik, Grundlagen der Mathematik, Bewu\u00dftseinszust\u00e4nden u.v.m. ausgebreitet werden. Ein Album ist es wohl auch deshalb, da Wittgenstein mit vielen anschaulichen Beispielen und sprachlichen Bildern arbeitet, bisweilen auch unter Zuhilfenahme von Zeichnungen und grafischen Modellen. Wittgenstein hat die Absicht, seine Gedanken nicht nur in eine Richtung zu zwingen, sondern die behandelten Themen beweglich zu belassen, so dass sie nat\u00fcrlich zur Entfaltung kommen, also mit Spr\u00fcngen, L\u00fccken, Verdichtungen. Die ungew\u00f6hnliche Gestalt seiner Untersuchungen verdankt sich insbesondere der Tatsache, dass er von einer gegenstandsfixierenden (metaphysischen) Betrachtungsweise von Sprache auch performativ zu einer gebrauchsorientierten Form der Sprachbetrachtung zu wechseln bestrebt ist. Zu diesem gebrauchsorientierten sprachanalytischen Ansatz geh\u00f6rt f\u00fcr Wittgenstein konsequenterweise auch der Aspekt des Spracherwerbs (oder, wie er es nennt, des Abrichtens) in seiner ganzen interaktiven Dimension, was beispielsweise durch zahlreiche markierte und unmarkierte Dialoge ersichtlich wird, die in den Text eingearbeitet sind. Diese interaktive Dimension f\u00fchrt schlie\u00dflich dazu, dass auch die Leser:innen selbst durch die immer wieder ans Nachdenken und Mitwirken gemahnende, appelierende Textgestalt zu Mitlernenden und Fragenden werden. Eine Art konzeptuellen Glutkern dieses vielf\u00e4ltigen interaktiven Geschehens bildet die Sprache, die als wandelbares Zeichensystem Regeln und Paradigmen zur Verf\u00fcgung stellt, anhand derer entsprechende Sprachspiele entdeckt, gelernt, entworfen bzw. angepasst oder ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen. Wittgenstein macht allerdings bei der beschreibenden Exposition dieses komplexen Sprachgeschehens nicht Halt, sondern f\u00fchrt eine Art normativen Zweck f\u00fcr seine Untersuchungen ein: es geht ihm, in einem ersten Schritt, um das Ausweisen bestimmter, als metaphysisch klassifizierbarer, Sprachspiele, um in einem zweiten Schritt dann diejenigen, die sich dieser problematischen Sprachspiele (gleichsam unfreiwillig) bedienen, durch Vergleiche und Hinweise therapeutisch aus der selbstverschuldeten Not zu helfen. Mit anderen Worten: F\u00fcr Wittgenstein stellt Sprache als eine Art Werkzeug einerseits die M\u00f6glichkeit bereit, sich durch ihren allt\u00e4glichen Gebrauch in der Welt zu orientieren, andererseits birgt sie, aufgrund ihrer praxisbedingten Un\u00fcbersichtlichkeit, immer auch die Gefahr, auf verschieden (vom Alltag abweichenden) Wegen und Abwegen den Geist zu verhexen und so Verwirrung und wom\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dferes Unheil zu stiften.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-750x554.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3548\" width=\"338\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-750x554.jpeg 750w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-370x273.jpeg 370w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-175x129.jpeg 175w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-768x568.jpeg 768w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1-80x60.jpeg 80w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/WhatsApp-Image-2021-09-20-at-09.53.38-1.jpeg 1518w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wittgensteins gewisserma\u00dfen unendlich anschlussf\u00e4hige Philosophie der Sprachspiele wurde vom Lesekreis insofern einladend aufgenommen, als die Teilnehmer:innen mit den jeweiligen Perspektiven ihrer Fach- oder Interessensgebiete\u2014sei es der politischen Bildung, dem Lehramt, der Psychotherapie, der angewandten Informatik, der Religionswissenschaft oder der Literaturwissenschaft\u2014interessiert an den Text herantreten konnten, um m\u00f6gliche neue Fragestellungen zu eruieren oder anderweitig neue Orientierungen zu gewinnen; auch veranlasste die gebrauchsorientierte Dimension des wittgensteinschen Ansatzes immer wieder dazu, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die sich auch oder insbesondere auf sprachlichen Terrain manifestieren, vielf\u00e4ltig zu diskutieren (beispielsweise Fragen zur gendergerechten Sprache oder den zeitgen\u00f6ssischen Rassismus-Diskursen). Trotz dieser Anschlussf\u00e4higkeit des Textes f\u00fcr allerlei Problemlagen zeichneten sich dennoch auch gewisse Herausforderungen ab: abgesehen von der hohen Komplexit\u00e4t sowie dem sp\u00fcrbaren Voraussetzungsreichtum mancher Passagen, verleitet Wittgensteins Sprache mit ihrer Mischung aus strenger Beschreibung und beharrlichem Kl\u00e4rungsbestreben dazu, manchmal zu souver\u00e4n und vorschnell reglementierend oder gar s\u00e4ubernd in sprachliches Geschehen einzugreifen; auch fiel auf, dass gerade von m\u00e4nnlicher Seite aus das wittgensteinsche Theoriebesteck zuweilen dankend aufgenommen wurde, um nachzuweisen, dass \u00fcber eigene, ,private\u2018 Gef\u00fchle aufgrund der immer schon ver-regelt-vermittelten Welt eigentlich gar nicht gesprochen werden k\u00f6nne (und man insofern, wenn es um diese ,Dinge\u2018 gehe, sozusagen aus dem Schneider sei). Ungeachtet dessen, ob Wittgenstein diese Aneignung f\u00fcr rechtm\u00e4\u00dfig im Sinne seines Theoriedesigns empfunden h\u00e4tte\u2014als machbar erwiesen sich derartige Z\u00fcge mit dem Material allemal. Und in diesem Sinne k\u00f6nnte es auch zu verstehen sein, auf welche Bedrohung Deleuze mit seinen scharfen Bemerkungen hinzuweisen bestrebt war: darauf, \u00fcber diese in so vielerlei Hinsicht beeindruckend umsichtig elaborierte Form von Sprachanalyse, nicht das zu vergessen, was als eine Haltung bezeichnet werden k\u00f6nnte, die der Verf\u00fchrung zur apodiktischen Richtigstellung mit Geduld und Offenheit f\u00fcr all das, was das ,Andere\u2018 ist und sein kann, zu begegnen wei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Ein Bericht von Jan Tabor 1988 stellt Claire Parnet dem franz\u00f6sischen Philosophen Gilles Deleuze im Rahmen eines 7 \u00bd Stunden langen experimentellen Gespr\u00e4chs anhand des <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/lektuere-klausur-2021-l-wittgenstein-philosophische-untersuchungen\/\" title=\"Lekt\u00fcre-Klausur 2021: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":20,"featured_media":3533,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3532"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3532"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3551,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3532\/revisions\/3551"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3533"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}