{"id":3380,"date":"2020-12-09T19:26:05","date_gmt":"2020-12-09T17:26:05","guid":{"rendered":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/?p=3380"},"modified":"2020-12-10T13:23:34","modified_gmt":"2020-12-10T11:23:34","slug":"niko-paech-ueber-wendepunkte-der-zivilisation-video-und-bericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/niko-paech-ueber-wendepunkte-der-zivilisation-video-und-bericht\/","title":{"rendered":"Niko Paech \u00fcber &#8222;Wendepunkte der Zivilisation&#8220;: Video und Bericht"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:85% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><video controls src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Niko-Paech-Augsburg-28.10.20_nur-Vortrag.mp4\"><\/video><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-large-font-size\"><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Namen Niko Paech h\u00f6rt, denkt vermutlich sofort an die Postwachstumsdebatte in Deutschland. Nicht zu Unrecht, schlie\u00dflich ist Paech hierzulande deren wohl prominentester Vertreter. Damit w\u00e4re allerdings nur eine Seite Paechs genannt: Im Video-Vortrag mit den Augsburger Studierenden und Dozierenden am 28. Oktober 2020 referierte er zun\u00e4chst als wachstumskritischer Wirtschaftswissenschaftler \u00fcber die Notwendigkeit einer \u00f6konomischen Wende. Zugleich stellte er als fr\u00f6hlicher Suffizienz-Pionier seine konkreten Vorschl\u00e4ge f\u00fcr deren Umsetzung vor und plauderte dabei auch als leidenschaftlicher Fahrrad- und Computerbastler aus dem eigenen postwachstumspraktischen N\u00e4hk\u00e4stchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wende zum Weniger<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Blickt Paech auf unser heutiges Leben und Wirtschaften, beobachtet er Entwicklungen, die ihn zu dem Schluss kommen lassen: So wie jetzt kann es angesichts der endlichen Ressourcen unseres Planeten nicht lange weitergehen \u2013 zumindest nicht ohne gravierende Folgen f\u00fcr \u00d6kologie und Gesellschaft. Ein Fortsetzen der aktuellen Lebens- und Wirtschaftsform bezeichnet er deswegen als \u201e\u00f6kosuizidal\u201c. Diese Erkenntnis stellt den ersten der acht Beobachtungen dar, die Paech aufgrund ihrer Bedeutung und Dringlichkeit als zivilisatorische \u201eWendepunkte\u201c bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kurzweiligen Vortrag \u00fcber diese acht Wendepunkte brachte er den Studierenden und Dozierenden die Grundz\u00fcge seiner \u00f6konomischen Gesellschaftsanalyse n\u00e4her. Neben einer Auflistung der Probleme des aktuellen Wirtschaftssystems liefert Paech vor allem auch einen L\u00f6sungsvorschlag: die Postwachstumsgesellschaft. In dieser \u201e\u00d6konomie des Weniger\u201c solle anstelle des Wachstums die Resilienz als oberstes Ziel stehen, also die F\u00e4higkeit einer Gesellschaft, auch in Krisensituationen \u2013 wie etwa der Corona-Pandemie \u2013 \u00fcberlebensf\u00e4hig zu bleiben. Als die vier Hauptmerkmale eines solchen post-wachstumsorientierten Wirtschaftens nennt er Gen\u00fcgsamkeit (Suffizienz), Selbstversorgung (Subsistenz), Nahversorgung im Sinne einer regionalen \u00d6konomie und eine kleine, \u00f6kologisch optimierte Industrie. Wohlstand, Fortschritt und Globalisierung schlie\u00dft dieses Modell keineswegs aus, interpretiert sie allerdings v\u00f6llig neu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ethische Dimensionen einer Postwachstumsgesellschaft<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Neuinterpretation deutet bereits an, dass sich Paechs Gesellschaftsvision keineswegs \u201enur\u201c um das Umstrukturieren unseres Wirtschaftssystems dreht. Hand in Hand mit der Frage nach einem verantwortungsvollen Wirtschaften gehen die grundlegenden ethischen Fragen danach, wie ein \u201agutes\u2018 oder \u201agelingendes\u2018 Leben aussehen und wie der Mensch \u201arichtig\u2018 handeln kann. Eine Ver\u00e4nderung der \u00f6konomischen Ausrichtung einer Gesellschaft hat enormen Einfluss auf deren zwischenmenschliches Miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist das \u2013 laut Niko Paech \u2013 zentrale soziale Problem des 21. Jahrhunderts zur Debatte gestellt: Wer darf sich noch mit welchem Recht wie viel materielle Freiheiten nehmen, ohne \u00f6kologisch und sozial \u00fcber seine*ihre Verh\u00e4ltnisse zu leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antworten darauf versucht er wachstumskritisch in seinen L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen zu liefern. Paech betont dabei, dass die \u00f6kologisch dringend notwendige Reduktion des Konsums, die er fordert, auch einen sozialen wie individuellen (R\u00fcck-)Gewinn an Lebensqualit\u00e4t leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Fragen und Antworten<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeute aber keine bevormundende Politik wie beispielsweise in der DDR, die rigorose Beschr\u00e4nkungen einf\u00fchrte, um ihre Ziele zu erreichen, hebt er auf Nachfrage hervor. Die in der DDR etwa gut vorhanden gewesenen Reparatur-Netzwerke der B\u00fcrger*innen k\u00f6nne gerade in einer klassisch demokratischen Gesellschaft ihr ganzes kreatives Potential erst richtig entfalten, indem Wert auf Prinzipien wie Freiheit und Beweglichkeit gesetzt werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestes Beispiel seien die heute bereits vorhandenen vielf\u00e4ltigen Formen aktiver Postwachstumspraxis. Der Sorge nach der Umsetzbarkeit seiner Ideen in der Gegenwart h\u00e4lt er die breite Palette unterschiedlicher Lebensstile und Ideen entgegen, die sich aktuell in Deutschland schon in wachstumskritischer \u201ePionier\u201c-Arbeit ausbreiten und Anreiz f\u00fcr andere bieten k\u00f6nnen. Als Beispiel daf\u00fcr nennt er das Versorgungsmodell der Solidarischen Landwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese Pionierarbeit brauche es das n\u00f6tige Fachwissen. Den Bildungssektor nimmt Paech deswegen kritisch unter die Lupe und diagnostiziert eine \u201e\u00dcberakademisierung\u201c, die er als Symptom und Gefahr f\u00fcr die aktuelle Gesellschaft deutet. Dringend n\u00f6tig f\u00fcr eine resiliente, krisenbest\u00e4ndige Gesellschaft sei eine Aufwertung des Handwerks und der Landwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit k\u00f6nne auch der zunehmenden Entfremdung und den Ersch\u00f6pfungserscheinungen der Konsumgesellschaft entgegengewirkt werden. Die Frage, inwiefern der heute empfundenen fehlenden Selbstwirksamkeit vieler entgegengewirkt werden k\u00f6nne, beantwortet er mit seiner Hoffnung auf einen neuen, vertrauteren Bezug zu und Umgang mit den Produkten, den die Postwachstumsgesellschaft verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht es bei diesem neuen Umgang dann mit Eigentum und mit der gerechten Verteilung von Besitz aus? Paechs Vorstellungen weisen in eine Richtung, in der Verm\u00f6gensspitzen gekappt und Gemeinnutzung st\u00e4rker gemacht werden soll. Er verweist darauf, dass es bereits viele Modelle gibt, in denen G\u00fcter keinen alleinigen Besitzer haben, sondern sozial geteilt und sehr erfolgreich von Gemeinschaften zusammen im Interesse aller verwaltet und genutzt werden. Wichtig ist f\u00fcr ihn allerdings, dass mit einer Vergesellschaftung von Eigentum nicht automatisch sozial-\u00f6kologisch verantwortliches Handeln einhergeht. Neue Eigentumsverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen nicht zwingend zu sozialer Integrit\u00e4t und \u00f6kologisch verantwortbarem Wirtschaften beitragen. Diese gilt es, als oberste Ziele der Postwachstumsgesellschaft stets im Blick zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Julia Bobinger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Wer den Namen Niko Paech h\u00f6rt, denkt vermutlich sofort an die Postwachstumsdebatte in Deutschland. 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