{"id":3340,"date":"2020-10-21T13:50:43","date_gmt":"2020-10-21T11:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/?p=3340"},"modified":"2021-01-12T15:02:18","modified_gmt":"2021-01-12T13:02:18","slug":"lektuere-klausur-gilles-deleuze-felix-guattari-anti-oedipus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/lektuere-klausur-gilles-deleuze-felix-guattari-anti-oedipus\/","title":{"rendered":"Lekt\u00fcre-Klausur: Gilles Deleuze \/ F\u00e9lix Guattari: Anti-\u00d6dipus"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Vom 8. bis zum 12. August fanden sich einmal mehr Studierende und Alumna von EdT zusammen, um in der Lekt\u00fcre-Klausur gemeinsam ein gewichtiges Werk der Geistesgeschichte zu lesen und zu diskutieren. Der folgende Bericht wurde von Stefan Steiner verfasst:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs funktioniert \u00fcberall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, w\u00e4rmt, i\u00dft. Es schei\u00dft, es fickt. Das Es\u2026 \u00dcberall sind es Maschinen im wahren Sinne des Wortes: Maschinen mit ihren Kupplungen und Schaltungen.\u201c (GD\/FG: Anti-\u00d6dipus, S.7) \u2013 Bereits mit dem ersten Satz ihres \u201aAnti-\u00d6dipus\u2018 d\u00fcrfte bereits der Buchdeckel des Werkes von Gilles Deleuze und F\u00e9lix Guattari von vielen Akademikerinnen und Akademikern bereits wieder zugefallen sein. Tastet sie oder er sich nach anf\u00e4nglichem Schockmoment doch noch einen Absatz weiter, begegnet ihm sp\u00e4testens dort ein weiteres Mal die Diskurs-Schranke des wissenschaftlichen Betriebs. In Anspielung auf den Fall Schreber aus dem Repertoire Freuds legen die beiden franz\u00f6sischen Intellektuellen eine Ungeheuerlichkeit nahe \u2013 auch psychisch Kranke betreiben Theorie: \u201eHimmelsarsch. Und seid ohne Sorge, es funktioniert; Pr\u00e4sident Schreber sp\u00fcrt etwas, produziert etwas, und vermag dar\u00fcber hinaus dessen Theorie zu entwickeln.\u201c (Ebd. S.7) Fast unglaublich scheint es anhand solcher S\u00e4tze, dass das Werk der beiden kongenialen Denker seinerzeit zu einem geistesgeschichtlichen Meilenstein erhoben, gar zum ersten \u201aethischen Buch seit langem\u2018, ja das 21. Jahrhundert zum \u201adeleuzianisches\u2018 gek\u00fcrt wurde (Foucault). Angetrieben vom Vermittlungswille jener beider Eindr\u00fccke stellten sich 9 Studierende und Alumna von Ethik der Textkulturen der Herausforderung, die bisweilen undurchdringlichen und schwer zug\u00e4nglichen Passagen des Buches zu erarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3349\" width=\"336\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-2.jpg 535w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-2-277x370.jpg 277w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-2-131x175.jpg 131w\" sizes=\"(max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eine Tradition von Studierenden f\u00fcr Studierende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits seit 2017 organisieren Erlanger Studierende des Masterstudiengangs \u201aEthik der Textkulturen\u2018 in den Semesterferien ein f\u00fcnft\u00e4giges Treffen in der Abgeschiedenheit der fr\u00e4nkischen Schweiz, um bedeutsame (philosophische) Abhandlungen der Geistesgeschichte in 10-12 st\u00fcndigen close reading sessions zu studieren und zu diskutieren. All dies ohne ECTS, Dozierende, Pr\u00fcfung. Den Anfang dieser Veranstaltungsreihe machte die Besch\u00e4ftigung mit G.W.F. Hegels Ph\u00e4nomenologie des Geistes, gefolgt von Martin Heideggers Sein und Zeit, Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft sowie Theodor W. Adornos Negative Dialektik. Nach Mehrheitsbeschluss entschied sich die Gruppe dieses Mal \u2013 auch bestehend aus Alumna des Studienganges \u2013 f\u00fcr den Anti-\u00d6dipus aus dem Jahr 1972.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSag, da\u00df es \u00d6dipus ist, oder ich knall dir eine!\u201c (Ebd. S.58)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-750x563.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3352\" width=\"368\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-750x563.jpg 750w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-370x278.jpg 370w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-175x131.jpg 175w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-768x576.jpg 768w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-678x509.jpg 678w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-326x245.jpg 326w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3-80x60.jpg 80w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-3.jpg 865w\" sizes=\"(max-width: 368px) 100vw, 368px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Gilles Deleuze und F\u00e9lix Guattaris Text richtet sich zun\u00e4chst und unter anderem gegen den zeitgen\u00f6ssischen psychoanalytischen Diskurs. Der Vorwurf lautet, dass mit dem \u00d6dipus-Komplex eine Interpretationsfolie der Psyche angelegt wird, die ebenjene notwendigerweise auf einen theatralisierten Familienkonflikt reduziert, diesen ahistorisch als anthropologische Konstante totalisiert, die Struktur des Unbewussten auf Sprachlichkeit verpflichtet und \u2013 last but not least \u2013 eine Komplizenschaft mit dem Kapitalismus eingeht. Man mag die Kritik des Philosophen Deleuze und des Psychiaters Guattari stellenweise f\u00fcr \u00fcberzogen wahrnehmen, doch ihre Produktivit\u00e4t l\u00e4sst sich nicht leugnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Buch wie eine Quecke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3355\" width=\"219\" height=\"293\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-1.jpg 545w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-1-277x370.jpg 277w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Lekt\u00fcreklausur-1-131x175.jpg 131w\" sizes=\"(max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Kritik zugrunde liegt eine Umdeutung \u2013 gar eine ph\u00e4nomenologische Beschreibung \u2013 der Welt \u2013 als maschinistisch-vitalistische, deren Grundoperation die (Wunsch-)Produktion und damit ganz anti-hegelianisch Affirmation sei. Alles ist mit allem reziprok verbunden \u2013 wie eine gro\u00dfe Fabrik, deren Maschinen durch Kopplungen, Energie(Kapital-)str\u00f6me und (An- und Ab-)Schaltungen einen Gesellschaftsk\u00f6rper deterritorialisieren und gleichsam reterritorialisieren. Dort entstehen in Anziehungs- und Absto\u00dfungsbewegungen nat\u00fcrlich keine Kontinuit\u00e4ten mehr, jedoch eine Produktion offener Serien an \u00dcberg\u00e4ngen und Intensit\u00e4ten, welche einem Cogito vorgelagert sind. \u201aIch f\u00fchle\u2018, dass ich denke. Alles andere w\u00e4re totalisierend. Subjekte im klassischen Sinne existieren daher nicht, sondern sind stets partiell und im Werden begriffen. Gerade ein solches Verst\u00e4ndnis aber bejahen die Denker: Molekulare Elemente ziehen D&amp;G molaren Einheiten vor. Und dies auch philosophisch gesprochen: Das Mannigfaltige als nebeneinanderstehende Heterogenit\u00e4t steht dem traditionellen im Ganzen und Teilen Denken gewollt ruin\u00f6s gegen\u00fcber. Die Sto\u00dfrichtung des Buches wird so klar: Eine anti-autorit\u00e4re Ontologie. Gegen die Psychoanalyse, den Kapitalismus, jede Form des Faschismus. In ihrem darauffolgenden Werk Tausend Plateaus entwickeln die beiden Denker \u2013 fast schon systematisch \u2013 die Denkfigur des Rhizoms, welche im Anti-\u00d6dipus in Form der Schizo-Analyse ihren Vorl\u00e4ufer findet. Bei weitem sind in diesem Absatz nicht die inhaltliche F\u00fclle und die Zugangsm\u00f6glichkeiten abgedeckt. Doch gerade das scheint auch im Sinne der Autoren, deren assoziatives, von literarischen bis molekularbiologischen Diskursen durchtr\u00e4nktes und in ihrem Sinne schizoides Schreiben so manche Synapse nicht nur aufgrund der sommerlichen Temperaturen hei\u00df laufen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Wiedersehen in Pottenstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den Tagen vom 8. bis zu 12. August 2020 verbanden die Studierenden und Alumna des Studienganges intensive Lekt\u00fcre und Diskussion \u2013 wie auch in den letzten Jahren \u2013 mit dem gemeinschaftlichen Aufenthalt im abgeschiedenen Pottensteiner-Ferienhaus und dessen Vorz\u00fcge: eine gro\u00dfe Terrasse und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Spazierg\u00e4nge sowie f\u00fcr gemeinsames Kochen und Speisen. In dieser Symbiose aus \u201aKlausur\u2018 und Gemeinschaft liegt die optimale Voraussetzung noch so gro\u00dfe intellektuelle Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen, schwere Texte zu durchdringen und mit irreversiblem Gewinn zur\u00fcck in den Universit\u00e4tsalltag zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Text: Stefan Steiner; Bilder: Edgar Hirschmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Vom 8. bis zum 12. 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