{"id":1991,"date":"2017-11-30T12:03:24","date_gmt":"2017-11-30T10:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ethik-msc.phil.uni-augsburg.de\/?p=1991"},"modified":"2017-11-30T12:55:57","modified_gmt":"2017-11-30T10:55:57","slug":"tagungsbericht-politische-literatur-debatten-begriffe-aktualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/tagungsbericht-politische-literatur-debatten-begriffe-aktualitaet\/","title":{"rendered":"Tagungsbericht \u00bbPolitische Literatur\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Politische Literatur: Debatten, Begriffe, Aktualit\u00e4t (4.\u20137.10.2017, Erlangen)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Tagungsbericht<\/strong><\/p>\n<p>Res\u00fcmiert man die poetologischen und literaturwissenschaftlichen Debatten \u00fcber den Begriff der \u203apolitischen Literatur\u2039, wie sie im Grunde seit dem 19. Jahrhundert \u2013 mit verschiedenen Sto\u00dfrichtungen und in diversen Hochkonjunkturen der Diskussion \u2013 gef\u00fchrt wurden, so l\u00e4sst sich eine dichotomische Struktur feststellen. Seit der Sattelzeit (Schiller, Goethe) \u2013 und bis zu Sartre, Adorno oder Enzensberger \u2013 dominiert eine oftmals polemische Entgegensetzung von \u203a\u00e4sthetischer Autonomie\u2039 und \u203aEngagement\u2039, von \u203areiner Kunst\u2039 und \u203aTendenzliteratur\u2039, von Poesie und Politik den Diskurs. Diese bestimmenden \u203aLeitdifferenzen\u2039 wurden bereits in der systemtheoretischen Analyse hervorgehoben. Andererseits hat es immer wieder Ans\u00e4tze gegeben, die einer solchen Oppositionsbildung programmatisch entgegenzuwirken suchten \u2013 von der romantischen \u203aprogressiven Universalpoesie\u2039 \u00fcber Benjamins \u203aHaltung\u2039 und Brechts \u203aEingreifendem Denken\u2039 bis zur Dichtung nach 1945 (Bachmann, Eich, Christa Wolf) und zeitgen\u00f6ssischen Autoren wie Juli Zeh, Kathrin R\u00f6ggla, Christian Kracht oder der subversiven Netzliteratur.<\/p>\n<p>Die Wiederaufnahme der Diskussion auf der Tagung \u203aPolitische Literatur\u2039, die vom 4.\u20137. Oktober 2017 in Erlangen stattfand, hat gezeigt, dass eine dichotomisierende Konzeption des Gegenstands nicht weiterf\u00fchrt und letztlich nicht haltbar ist. Vor allem ist deutlich geworden, dass ein politischer Impetus der Literatur sich nicht unbedingt (allein) in einer inhaltlichen Fokussierung oder einer programmatischen Positionierung der Texte zeigt, sondern sich oftmals mittels einer Arbeit an der Sprache, einer diskurskritischen Verfahrensweise oder subversiver Strukturen pr\u00e4sentiert. Beide Dimensionen k\u00f6nnen sich dabei durchdringen, m\u00fcssen es aber nicht zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Um eine angemessene Erfassung des Gegenstandes \u203apolitische Literatur\u2039 zu erm\u00f6glichen, bedarf es keiner grunds\u00e4tzlich kategorialen, sondern vor allem einer heuristischen Systematisierung. Sie unterscheidet zwischen verschiedenen (gegebenenfalls dominanten) M\u00f6glichkeiten einer politischen Ausrichtung von Literatur, ohne dass dabei andere Dimensionen ausgeschlossen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mittels systematisch-theoretischer wie auch historischer Beitr\u00e4ge wurde im Rahmen der Tagung sowohl eine Revision des Begriffs \u203apolitische Literatur\u2039 erm\u00f6glicht, wie auch poetologische Konzeptionierungen und literaturwissenschaftliche Modellierungen des Feldes in den Blick genommen wurden. Ziel war es, einen grundlegenden Beitrag zur kritischen Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung, zur aktualisierten Fundierung und zur definitorischen Neuverortung des Begriffs \u203apolitische Literatur\u2039 zu leisten.<\/p>\n<p>Will man in der literaturwissenschaftlichen Analyse nicht nur die inhaltliche Auseinandersetzung, sondern auch die \u00e4sthetischen Verfahrensweisen und die Wirkungsdimensionen politischer Literatur als wichtige Faktoren mit einbeziehen, so lassen sich \u2013 wie die Beitr\u00e4ge der Tagung deutlich gemacht haben \u2013 vier, lediglich heuristisch zu unterscheidende und sich immer wieder durchdringende Perspektiven bzw. Akzentuierungen\u00a0 ausmachen, die <strong>das Politische als Reflexionsraum der Literatur <\/strong>in den Blick nehmen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Bestimmung des Politischen \u00fcber den Sachgehalt:<\/strong> Hier geht es um Darstellungen politischer Erfahrungskontexte, um konkret auszumachende Referenzbez\u00fcge, um die Thematisierung und kritische Beleuchtung gesellschaftspolitischer Konstellationen.<\/li>\n<li><strong>Bestimmung des Politischen \u00fcber die Intention und die Wirkung:<\/strong> Diese Dimension betrifft zum einen konkrete politische Zielsetzungen und Handlungsoptionen, die im Medium der Literatur kommuniziert oder auch in \u00f6ffentlichen Positionierungen von Autoren formuliert werden; zum anderen kann der Literatur auch im Prozess der Rezeption (zeitgen\u00f6ssisch oder nachtr\u00e4glich) ein politischer Charakter zugeschrieben werden.<\/li>\n<li><strong>Bestimmung des Politischen \u00fcber Verfahrensweisen: <\/strong>Auf dieser Ebene erscheint Literatur in erster Linie als Medium der Diskurskritik bzw. als Instrument der Affirmation. Einerseits kann Literatur einen Ort bieten, an dem Tabuzonen des (Un-)Sagbaren auf eine sonst so nicht m\u00f6gliche Weise aufgesprengt werden: etwa \u00fcber satirische und ironische Schreibweisen, \u00fcber dialogische und dialektische Strukturen, \u00fcber subversive und provokative Pr\u00e4sentationsweisen. Andererseits kann sie auch der Agitation und Propaganda dienen, etwa durch eine suggestive Rhetorik, populistische Perspektivierung oder affektive Irrationalit\u00e4t<\/li>\n<li><strong>Bestimmung des Politischen \u00fcber poetologische Programme oder literaturpolitische Setzungen:<\/strong> Hier reicht das Spektrum von staatlichen Eingriffen \u00fcber poetologische Konzepte (Benjamin, Brecht, Sartre, Adorno) bis hin zu philosophischen Bestimmungen des Politischen (Hannah Arendt, Jacques Ranci\u00e8re); oft werden gerade solche theoretischen Voraussetzungen zumindest implizit in der Schreibweise sichtbar.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die systematisch-theoretische Reflexion muss hierbei \u2013 auch das ein wesentlicher Erkenntnisgewinn der Tagung \u2013 stets die historische Kontextualisierung der literarischen Texte und gleicherma\u00dfen ihrer theoretisch-poetologischen Reflexion ber\u00fccksichtigen. Vor diesem Hintergrund wurde au\u00dferdem die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Perspektivierung literaturwissenschaftlicher Modellbildung und Geschichtsschreibung deutlich.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge und Diskussionen der Tagung werden in einem Tagungsband publiziert, dessen Erscheinen f\u00fcr 2018 im Metzler Verlag geplant ist.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Christine Lubkoll, Dr. Manuel Illi, Anna Hampel<\/p>\n<p>Das Tagungsprogramm ist hier einsehbar: <a href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Politische_Literatur_DFG_Tagung_Folder_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">[klick]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Politische Literatur: Debatten, Begriffe, Aktualit\u00e4t (4.\u20137.10.2017, Erlangen) Tagungsbericht Res\u00fcmiert man die poetologischen und literaturwissenschaftlichen Debatten \u00fcber den Begriff der \u203apolitischen Literatur\u2039, wie sie im Grunde <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/tagungsbericht-politische-literatur-debatten-begriffe-aktualitaet\/\" title=\"Tagungsbericht \u00bbPolitische Literatur\u00ab\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":10,"featured_media":1945,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1991"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1991"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1991\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2015,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1991\/revisions\/2015"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}