{"id":1728,"date":"2016-12-06T22:12:24","date_gmt":"2016-12-06T20:12:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ethik-msc.phil.uni-augsburg.de\/?p=1728"},"modified":"2016-12-06T22:13:22","modified_gmt":"2016-12-06T20:13:22","slug":"kurt-pinthus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/kurt-pinthus\/","title":{"rendered":"Kurt Pinthus"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Der Leerraum als Symptom<\/strong><\/h3>\n<p><strong>von Philip Kr\u00f6mer &amp; Joseph Reinthaler<\/strong><\/p>\n<p>Kurt Pinthus (geb. 29. April 1886 in Erfurt, gest. 11. Juli 1975 in Marbach am Neckar) ist einer der bedeutendste Begleiter der letzten gro\u00dfen Avantgarde im literarischen Deutschland: des Expressionismus. Kanonisierung wirkt inklusiv wie exklusiv, ist wirklichkeitsstiftend \u2013 Pinthus in seiner Kritikerfunktion wirkt damit stark als Landvermesser des literarischen Expressionismus, nicht zuletzt durch die Herausgabe des bedeutenden Bandes <em>Menschheitsd\u00e4mmerung<\/em> bei Rowohlt 1921, f\u00fcrderhin Referenzwerk und Telefonbuch des kanonischen Expressionisten als Anteilhabenden. Man kann Str\u00f6mungen (und ganz allgemein epistemologische Entit\u00e4ten) nicht beschreiben, ohne sie gleichsam zu erzeugen \u2013 Pinthus umkreist die Sch\u00f6pfungsakte der literarischen Produktion des Expressionismus und spendet ihnen damit ein Zentrum des kollektiven Verst\u00e4ndnisses, das erst durch die Umkreisung als Achse berechenbar wird. Wie wir es hier praktizieren, kann man Pinthus gerne und leicht \u00fcbersch\u00e4tzen, was jedoch pr\u00e4ventiv gegen die viel schlimmere Gefahr der Untersch\u00e4tzung vorgeht und daher seine therapeutische Richtigkeit hat.<\/p>\n<p>Die Privatbibliothek Pinthus\u2019 ist nach seinem Ableben g\u00e4nzlich in die Obhut des <em>Deutschen Literaturarchivs Marbach<\/em> \u00fcbergegangen. Die sauren Papiere der 20er Jahre ruhen dort unter der F\u00fcrsorge der Konservatoren, liegen auf Stahl in kaltem Klima einer unterirdischen Bunkeranlage. Die <em>Bibliothek<\/em> ist f\u00fcr die eingelagerten Buchsammlungen ein historischer Begriff \u2013 <em>Bibliothek<\/em> beinhaltet die Dimension des Sammelns, des Ordnens, des Verwahrens und der Verf\u00fcgbarmachung in ihrem landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnis. Je weniger \u00d6ffentlichkeit und Zug\u00e4nglichkeit der Sammlung zu eigen ist, desto mehr sprachliche Neuorientierung ist n\u00f6tig: dies in Richtung der <em>Privat<\/em>bibliothek, des Archivs, der Sammlung, des Lagers. Zur Bewusstmachung dieses Umstands ist es unumg\u00e4nglich, darauf hinzuweisen, dass wir von dem <em>Archiv<\/em> der Pinthus-Bibliothek sprechen, nicht von der Pinthus-Bibliothek in dem Sinn, welcher die Lebzeit des Sammlers meint \u2013 und das ist ein geh\u00f6riger Unterschied. W\u00e4hrend Bibliotheken ihre Eindeutigkeit von den Schmutzflecken und Eselsohren erhalten, was einen Pr\u00e4gungsprozess der versammelten Medien hin zum Original darstellt, ist jede individuelle Originalisierung zweiter Instanzen der Archivware freilich zu vermeiden. Der Bibliotheksnutzungsprozess gilt als abgeschlossen, was ein Paradox darstellt hinsichtlich der notwendigen wissenschaftlichen Praxis. Um es salopp auszudr\u00fccken: Ich m\u00f6chte gerne anhand tausender Kaffeeflecken erkennen, dass es wohl Pinthus\u2019 Lesepraxis war, sich ein Hei\u00dfgetr\u00e4nk zu seinen Lesestunden zu bereiten; ich m\u00f6chte die historische Dimension des Buches in seiner posthumen Nutzung dahingehend ausweiten, erkennbar zu machen, dass auch Wissenschaftler bei der Untersuchung der Pinthus-Best\u00e4nde gerne Kaffee getrunken haben. Mittlerweile wird man gro\u00dfz\u00fcger mit den Zugest\u00e4ndnissen gegen\u00fcber dem harten Medium \u2013 nahm ein Buchbestand nach dem Tod des Besitzers den Umweg \u00fcber die tempor\u00e4re Eingliederung in eine klassische Instituts- oder \u00f6ffentliche Bibliothek, bevor man den Bestand wieder zusammenklaubte, konservierte und in die Archive Marbachs zur Aufbewahrung verbrachte, entfernte man noch vor etlichen Jahren die Bibliotheksmerkmale wie Stempel, Nummerierung, R\u00fcckenschilder etc. Mittlerweile erkennt man auch solche Umst\u00e4nde als dem Objekt und seiner pers\u00f6nlichen Daseinsgeschichte inh\u00e4rent an.<\/p>\n<p>Als direkte Ableitung dieser Beobachtung k\u00f6nnen wir feststellen, dass wir bez\u00fcglich der konservierten Bibliothek in verschiedenen Dimensionen denken m\u00fcssen. Wir haben die (Ver-)Sammlung der harten Medien als quantifizierbaren Korpus. Dieser besitzt als Makroobjekt Originalit\u00e4t. Und wir haben das Atom als einzelnes St\u00fcck des Korpus, das sich nicht als Bezug zu seiner Nachbarschaft definiert, sondern dessen h\u00f6chst eigener Zustand als Beschaffenheit der Eingeweide eines medialen Zellk\u00f6rpers. Damit ist die Bibliothek mehr als der Bestandskatalog und das einzelne Objekt mehr als eine solit\u00e4re Zelle. Ein Buch kann Teil der Sammlung sein, vielleicht sogar mehrfach, oder nicht \u2013 gleichzeitig kann ein Buch unglaublich zerlesen sein oder beinahe jungfr\u00e4ulich. Die makroperspektivische Wesensart des Ganzen tritt in Wechselwirkung mit der substanziellen Wesensart des Objekts. Das Ganze ist demnach mehr als die Summe seiner Teile und der Teil ist mehr als der Divisor des Ganzen. Eine kaum \u00fcberraschende und originelle Feststellung hinsichtlich der beinahe kosmischen G\u00fcltigkeit dieser bekannten Einsicht \u2013 man verzeihe den Allgemeinplatz.<\/p>\n<p>Wohin f\u00fchren uns nun diese diversen Feststellungen? Stante pede zu dem Untersuchungsgegenstand \u2013 ein Zellk\u00f6rper im Korpus. Eine sehr intensive Besch\u00e4ftigung mit einem sehr speziellen Buch hat uns dazu verleitet, die Erwartung des Vorhandenseins selbigen Objekts aufrichtig zu empfinden: Die Sprache ist von Carl Einsteins <em>Die schlimme Botschaft<\/em> von 1921. In gebotener K\u00fcrze sei hierauf verwiesen, dass n\u00e4mliches Werk quasi unmittelbar nach Erscheinen eingezogen und in einem Strafgerichtsprozess verboten wurde. Leidtragende waren neben dem Werk selbst freilich der Autor und dessen Verleger Ernst Rowohlt, bei welchem ein Jahr zuvor auch Pinthus\u2019 <em>Menschheitsd\u00e4mmerung<\/em> erschien war, welcher \u00fcbrigens eine vollseitige Werbeanzeige in Einsteins Dramenband zugedacht wird. Pinthus \u2013 scharfer Beobachter seiner Zeit \u2013 wohnt dem Prozess bei und ver\u00f6ffentlicht als Reaktion darauf eine schneidende Polemik. Pinthus \u2013 als Pate des Expressionismus, als Zeuge der Aburteilung eines der ganz Gro\u00dfen der damaligen Zeit, des Verfassers immerhin des einzigen expressionistischen Romans <em>Bebuquin<\/em>. Es ist eine ganz und gar besondere Spurensuche in diesem Fall \u2013 das Buch wurde derart schleunig aus dem Verkehr gezogen und f\u00fcr Jahrzehnte nicht mehr aufgelegt, dass die Entdeckung und Sichtung eines weiteren vorhandenen Exemplars schon alleine Bedeutung genug h\u00e4tte. Doch hier haben wir es mit einem hypothetischen Exemplar zu tun, das in der Obhut eines gro\u00dfen Beobachters des gesamten Prozesses und Einsteins selbst war. Noch ein weiterer gro\u00dfer Beobachter wohnte der Schau bei: Heinrich Hubert Houben. Drei Jahre sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlicht er seine gro\u00dfe Enzyklop\u00e4die der <em>Verbotenen Literatur von der klassischen Zeit bis zur Gegenwart<\/em>. Der Eintrag zum Fall Einstein ist der ausf\u00fchrlichste des gesamten Werkes und heute Hauptquelle bez\u00fcglich der damaligen Vorkommnisse. W\u00e4hrend andere Zensurf\u00e4lle nach der Manier eines Lexikons teilweise nur eine halbe Seite einnehmen, f\u00fcllt der Fall <em>Einstein<\/em> \u00fcber drei\u00dfig Buchseiten. Auch der Band Houbens erscheint bei Ernst Rowohlt. Unter anderem Besitzer dieses Bandes \u2013 freilich: Kurt Pinthus.<\/p>\n<p>Hier machen wir einen dramaturgischen Schnitt und betrachten kurz die Lebensverh\u00e4ltnisse Pinthus\u2019; Pinthus: Redakteur, Journalist, Kultur- und Kunstkritiker, Dramaturg, Dozent, eingeschr\u00e4nkter belletristischer Schriftsteller. 1937 flieht er vor dem Nazis in die USA. Er kommt kurz zur\u00fcck und holt seine Bibliothek nach. 1967 remigriert er nach Deutschland \u2013 genauer: an das Literaturarchiv Marbach \u2013 und verbringt dort seine letzten Jahre.<\/p>\n<p>Wir sparen uns an dieser Stelle, die diversen Umz\u00fcge Pinthus\u2019 aufzulisten. Fest steht: Der Buchbestand wurde wenig geschont. Die diversen Ortswechsel beinhalten immerhin auch ganze zwei Mal einen transatlantische Seetransport; damals gew\u00f6hnlich in Holzkisten \u2013 ohne PVC-Folie und Stahlcontainer \u2013 mehrt\u00e4gig auf offenem Meer unter den schlechten Bedingungen extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Das Papier ist kein reines Zellstoffpapier, ist in der Regel stark sauer und holzhaltig und reagiert empfindlich auf Feuchtigkeit. In den USA lehrt und arbeitet er vor allem in New York \u2013 einer K\u00fcstenstadt, ehemaliges Sumpfgebiet, dass sich durch feuchtes Klima auszeichnet und Sommer, die daher hin und wieder scherzhaft lokal als <em>tropical<\/em> bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Wer die Best\u00e4nde der ehemaligen Pinthus-Bibliothek in den Marbacher Verliesen sichtet, der erkennt recht schnell den desolaten Zustanden vieler Exemplare. Und oft sind es zudem nicht die besten Ausgaben. Die verlegerische Praxis, ein Werk zeitgleich in unterschiedlicher Bereitstellungsqualit\u00e4t zu produzieren, ist l\u00e4ngst vergessen. Tats\u00e4chlich haben wir Anfang des 20. Jahrhunderts nicht selten den Fall, dass Werke als Broschur und als Pappband und z.\u00a0B. als Halbpergament auf holzfreiem Hadernpapier zeitgleich erscheinen. Die zugeh\u00f6rigen krassen sozialen Unterschiede machen dies m\u00f6glich und unternehmerisch sinnvoll. Es ist auch noch die Zeit wertiger Privatausgaben \u2013 in Hunderterst\u00fcckzahl und mit besonderer Ausstattung. Wenn man sich solchen B\u00fccherregalen wie denen Pinthus\u2019 n\u00e4hert, muss man sich bewusst machen, wie die verlegerischen Gepflogenheiten jener Zeit waren. Das Kurt-Wolff-Archiv und dessen Privatbibliothek befinden sich in unmittelbarer Reichweite der Pinthus-Sammlung. Das Bild der Regale jedoch ist ein vollkommen anderes. Wolff besitzt \u2013 aus verlegerischem Selbstbewusstsein oder bibliophilen Neigungen (?) \u2013 eine Unmenge an Halbpergamentausgaben. Leinen und Halbleinen sind heutzutage das h\u00f6chste der Gef\u00fchle, was Buchausstattung anbelangt. Das kaum merklich transparente elfenbeinfarbene sauber gegl\u00e4ttete Pergament aus ungegerbten Tierh\u00e4uten als Material von Buchr\u00fccken wirkt ungemein wertig und ist heutzutage f\u00fcr den aktuellen Buchmarkt unerschwinglich und vollkommen obsolet. Die Kurt-Wolff-Bibliothek ist voll davon \u2013 die Pinthus-Bibliothek keineswegs. Gleichzeitig gilt Pinthus aber als leidenschaftliche Sammlerpers\u00f6nlichkeit mit einer aufrichtigen Vernarrtheit in seine B\u00fccher. Das allerdings zeitigt einen ganz anderen Effekt: Er ist auf unbarmherzige Weise ordentlich. Wir finden B\u00fccher, die ihn nachweislich besch\u00e4ftigt haben und bl\u00e4ttern ganz im Miasma spannender Erwartung durch die Ausgabe seiner Bibliothek und finden \u2013 nichts. Keine Anstreichung, keine Markierung, keinen Kommentar \u2013 weder am Bund-, Kopf-, Seiten- oder Fu\u00dfsteg, welche die Scholastiker vor hunderten Jahren so sinnig als Kommentarspalten etablierten, auf Pergamenten, die eigentlich zu teuer waren, um verschwenderisch mit Wei\u00dfraum zu sein. Dieser Zustand mag unter anderem auch daher kommen, dass Pinthus als Universit\u00e4tsdozent t\u00e4tig war. Die Akademische Tradition schreibt (damals mehr als heute) vor, den Studenten die eigenen Bibliothek zug\u00e4nglich zu machen. Das k\u00f6nnte durchaus Anlass geben, die B\u00e4nde nicht zu sehr zu personalisieren. Dieses Argument ist auf den ersten Blick griffig, \u00fcberzeugt aber nur wenig, da Pinthus erst ab 1938 dozierend t\u00e4tig war (diese Aufgabe beginnt mit seiner Emigration) und sich hinsichtlich der Sp\u00e4rlichkeit der Eintragungen keine verifizierbaren Unterschiede zwischen der Zeit davor und jener seiner Lehrt\u00e4tigkeit feststellen lassen. Zugeben m\u00fcssen wir aber, dass der knappe Zeitraum unserer Untersuchungen hinsichtlich dieses Aspekts nur Stichproben zulie\u00df, die selbstverst\u00e4ndlich statistisch fragw\u00fcrdig sind.<\/p>\n<p>Pinthus ist also nicht der dankbarste Kandidat, wenn es um Spuren am Objekt geht. Freilich \u2013 es l\u00e4sst sich doch erkennen, ob ein Buch versehrnutzt wurde oder ob die Seiten noch nicht einmal aufgeschnitten sind. Doch prozessuale Rezeptionsspuren innerhalb des Mediums sind rar. Dennoch ist die Erwartung ungetr\u00fcbt. Der Blasphemie-Einstein wird sich finden lassen und das offenkundige Interesse Pinthus\u2019 an Autor, Text und Fall wird seine unmittelbaren Spuren hinterlassen haben. Zumindest ein feuchtes Wutschnauben wird die Seiten benetzt haben und stockfleckig werden sie daraufhin geworden sein. So viel steht ungesichtet fest.<\/p>\n<p>Aber nein \u2013 hier offenbart sich nach intensiver Suche eine unsichtbare L\u00fccke: Das Buch ist nicht vorhanden. Die internalisierte Selbstbeobachtung in diesem Fall ist \u00e4u\u00dferst interessant: Die Abwesenheit des gesuchten Mediums in den Regalen des Archivs akzeptieren wir nur schlecht \u2013 das Faktum scheint kein Faktum, es erscheint in unserer Wahrnehmung als eindeutiger Systemfehler. Wie brav doch die wesentlichen restlichen Werke Carl Einsteins bei Pinthus versammelt stehen: <em>Negerplastik<\/em> von 1915, <em>Bebuquin<\/em> von 1917 etc. Nur die <em>Schlimme Botschaft<\/em> fehlt in diesem Reigen. Kurz planen wir aus Ermangelung unseres gesuchten Objekts, die Bibliothek Pinthus\u2019 auf andere Gesichtspunkte hin zu untersuchen, zimmern uns Alternativen zurecht. Letztendlich aber gewinnt die Verantwortung vor der Expertise. Wir suchen in den Nachl\u00e4ssen Pinthus\u2019 nach Korrespondenz, vielleicht mit dem angeklagten Einstein- sowie Pinthus-Verleger Ernst Rowohlt \u2013 wir suchen nach Notizen. Wir durchsuchen das Rowohltarchiv unter der Verschlagwortung <em>Einstein<\/em> und <em>Pinthus<\/em>. Wir suchen. Wir suchen und untersuchen das einzige vorhandenen Exemplar der <em>Schlimmen Botschaft<\/em>, das ordentlich gelistet ist: eine unglaublich sch\u00e4bige Broschur, die billigste der m\u00f6glichen Ausstattungen (zumindest als Pappband kam die <em>Schlimme Botschaft<\/em> zus\u00e4tzlich heraus), nicht nur vergilbt, sondern vollst\u00e4ndig gebr\u00e4unt, von Luftsauerstoff und Feuchte f\u00f6rmlich verbrannt, br\u00fcchig, br\u00f6selig, eine Klebebindung, die praktisch aufgegeben hat. Das B\u00e4ndchen stammt aus der Bibliothek eines Privatmannes, wie ein Stempel verr\u00e4t \u2013 die meisten Seiten sind nicht einmal aufgeschnitten. Ein jungfr\u00e4uliches Exemplar also.<\/p>\n<p>Das Rowohltarchiv ist nur zu rund einem Drittel gesichtet und katalogisiert. Alle sinnvoll verwertbaren Dokumente datieren auf Jahre nach 1945. Hierbei ist nichts weiter zu erfahren. In den Dokumenten Pinthus\u2019 findet sich kaum Material, das aus Jahren vor seiner Emigration in die USA stammt. Es erscheint verst\u00e4ndlich, dass bei seiner Auswanderung wohl viele Objekte aus seinem pers\u00f6nlichen Besitzt nicht den Weg in die USA gefunden haben. Zum einen wohl aus Gr\u00fcnden der Rationalisierung, auf der anderen Seite vielleicht auch, weil er dem NS-deutschen Zoll misstraute und gerade Privatkorrespondenzen ein gewisses Gefahrenpotenzial boten (so mag man spekulieren und dabei an Thomas Mann denken). Wir wissen es letztendlich nicht und k\u00f6nnen es auch nicht wissen \u2013 gesichert ist nur, dass wir auch an dieser Stelle keine Spuren ausmachen konnten. Und das alleine ist interessant genug.<\/p>\n<p>Eine Bibliothek ist ein Fass im Solera-Verfahren: Es wird niemals ganz geleert, es wird jedoch stets etwas entnommen und stets nachgef\u00fcllt. Neue B\u00fccher kommen hinzu \u2013 alte und freilich auch neue B\u00fccher werden aussortiert, verkauft, verschenkt, verloren. Es ist nun unglaublich schwer vorstellbar, dass sich Pinthus, der Bibliophile, gerade bei Einsteins <em>Schlimmer Botschaft<\/em> als Biblioklast erweisen h\u00e4tte sollen, zumal er davon wusste, dass praktisch die Gesamtauflage des Werks auf staatlichen Beschluss verloren und vernichtet war \u2013 unbeabsichtigter Weise wurden damit die rund 200 Exemplare, die diese Vernichtung \u00fcberlebten, zu seltenen St\u00fccken. H\u00e4tte der bibliophile Sammler-Pinthus beim sprichw\u00f6rtlichen Ausmisten (vielleicht wiederum vor der Emigration bzw. Reise) den Blasphemie-Einstein ausgesondert? Das kann man sich fragen \u2013 und genau an dieser Stelle k\u00f6nnen wir nur spekulieren. Und wo wir spekulieren, beginnen wir freilich zu subsumieren. Pinthus, der das Buch aussondert (unwichtig geworden, sinnlos, \u00fcberfl\u00fcssig). Pinthus, der das Buch verliert (versehentlich liegen l\u00e4sst in einem Caf\u00e9). Pinthus, der das Buch unfreiwillig zerst\u00f6rt (eine ganze Kanne Kaffee zersprungen und das gesamte Buch durchtr\u00e4nkt). Und so weiter und so fort. F\u00fcr nichts gibt es ein Indiz. Die ungl\u00fccklichen Zuf\u00e4lle muss man als M\u00f6glichkeit aber durchaus ernst nehmen \u2013 Hauskatzen, die B\u00fccher zerfetzen, vergossener Kaffee oder Tee, unachtsam liegen gelassen etc. Eine ganz schreckliche Unart im Verfahren historiographischer Betrachtungen ist stets, das Zuf\u00e4llige nicht genug zu w\u00fcrdigen. Diesen wissenschaftlichen Mangel kennen wir zu gen\u00fcge, er ist vorherrschende Praxis. Wer \u00fcber Sachverhalte und deren Rekonstruktion nachdenkt, der tut dies stets unter dem Paradigma der Kausalit\u00e4t. Dies ist insofern verst\u00e4ndlich, da es sich um das einzig nutzbare Handwerkszeug des Rekonstrukteurs handelt. Gut \u2013 verstanden. Aber dies befreit nicht von der Sorgfaltspflicht, auf die vielen kuriosen Umst\u00e4nde des Zuf\u00e4lligen zumindest <em>gleichbedeutend<\/em> hinzuweisen. Wir k\u00f6nnen uns und werden uns auch umgehend eine der schl\u00fcssigeren Varianten erw\u00e4hlen \u2013 behalten aber hierbei auch immer im Hinterkopf, dass der wiederauferstandene Pinthus zur T\u00fcr hereinspazieren k\u00f6nnte und schelmisch lachend zugeben k\u00f6nnte, Einsteins Buch sei ihm peinlicher Weise ins Klosett gefallen. \u00dcberlegen Sie sich genau die Menge ihrer h\u00f6chst willk\u00fcrlichen pers\u00f6nlichen Alltagsungeschicke und pl\u00f6tzlich erscheinen die weniger kausalen Alternativen zunehmend konsistent.<\/p>\n<p>In aller Bescheidenheit also bedenken wir die Umst\u00e4nde und kommen trotz aller Kausalit\u00e4t nicht los vom Zufall, wie wir sehen werden. Der Einstein-Vorfall d\u00fcrfte viel Aufsehen erregt haben in der literarischen Welt der 20er Jahre. Das kann man als gesichert annehmen \u2013 das kann man an etlichen Quellen nachweisen. Nun d\u00fcrfte diese allgemeine Aufmerksamkeit (ein zeitloser Mechanismus) auch eine gewisse Neugierde an dem betreffenden Werk generiert haben, sicherlich auch in Pinhtus\u2019 Dunst- und Freundeskreis. \u00dcber Fall und Werk sich ein Bild zu machen, d\u00fcrfte jedem interessierten Mitspieler im Literaturbetrieb ein Anliegen gewesen sein. Das Problem dabei ist offensichtlich: Das Werk ist eingezogen und vernichtet. Pinthus ist einer der wenigen Besitzer dieses verbotenen Buches und sein Bekanntenkreis d\u00fcrfte einschl\u00e4gig gewesen sein. Unglaublich nahe liegt also, dass Pinthus schon w\u00e4hrend der Prozesszeit oder unmittelbar danach beinahe im Zugzwang war, dieses Buch zu <em>verleihen<\/em> \u2013 und vermutlich nicht nur an eine Person. Und hier wird es wiederum zuf\u00e4llig, aber nicht im Geringsten unwahrscheinlich: Gerade geliehene Objekte neigen dazu, h\u00e4ufig nicht mehr zur\u00fcckzukehren. Dies sicherlich besonders in einer Zeit, in welcher man nicht die effizientesten Fernkommunikationsmittel besitzt, in einer Zeit vor Telefon und E-Mail. Zwangsweise verschiebt sich die R\u00fcckgabe auf die n\u00e4chste Begegnung \u2013 man kann nur darauf hoffen, dass der Schuldner das Objekt nicht vergisst, man kann nicht f\u00fcnf Minuten vor dem Aufbruch zum gemeinsamen Barabend eine SMS schicken: <em>Vergiss bitte mein Buch nicht!<\/em> Kurzum: Sollte Pinthus das Buch an mehrere Personen ausgeliehen haben, vielleicht sogar (aufgrund der unm\u00f6glichen anderweitigen Beschaffbarkeit) mit Erlaubnis zum gem\u00e4\u00dfigten Weiterverleihen, wovon wir fast ausgehen m\u00fcssen, erscheint es uns als nicht unwahrscheinlich, dass es seinen Weg zur\u00fcck schlichtweg nicht mehr gefunden hat.<\/p>\n<p>Letztendlich ist es also gelungen, aus dem Zustand der Abwesenheit interessante Fragen abzuleiten, die durchaus ihren eigenen Mehrwert generieren. Vielleicht ger\u00e4t man zu oft in die Versuchung, \u00fcber die vielen toten Enden einer Untersuchungspraxis zu schweigen. Letztendlich ist der Leerraum ein sehr intensiver und fruchtbarer Befund. Der notorische menschliche F\u00fcllungszwang befl\u00fcgelt hierbei die Reflexion und merzt damit die ungewollte psychische Disposition der Entt\u00e4uschung aus: ein h\u00f6chst nat\u00fcrlicher Prozess, der aktiv genutzt werden kann. Vielleicht stellt sich auch auf einer g\u00e4nzlich \u00fcbergeordneten Ebene eine sehr wichtige Erkenntnis ein: Eine Bibliothek besteht nicht nur aus den Objekten, die sie versammelt \u2013 sie besteht auch aus dem negativen Abdruck all jener Objekte, die man vermisst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Der Leerraum als Symptom von Philip Kr\u00f6mer &amp; Joseph Reinthaler Kurt Pinthus (geb. 29. April 1886 in Erfurt, gest. 11. 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