{"id":1726,"date":"2016-12-06T22:10:38","date_gmt":"2016-12-06T20:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/ethik-msc.phil.uni-augsburg.de\/?p=1726"},"modified":"2016-12-12T22:35:55","modified_gmt":"2016-12-12T20:35:55","slug":"siegfried-kracauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/siegfried-kracauer\/","title":{"rendered":"Siegfried Kracauer"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Siegfried Kracauer \u2013 Freund, Autor und Kritiker<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Person Siegfried Kracauer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">von Stephanie Forristall<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Leben Siegfried Kracauers war gepr\u00e4gt von der politischen Lage des zweiten Weltkrieges und seiner Flucht vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Eine Flucht, die ihn \u00fcber mehrere Etappen schlie\u00dflich in die Vereinigten Staaten f\u00fchrte. Geboren in Frankfurt am Main im Jahre1889, blieben ihm, als j\u00fcdischem Intellektuellen, kaum andere Optionen. Ihm gelang mit seiner Ehefrau Elisabeth Kracauer die Emigration zun\u00e4chst nach Frankreich und anschlie\u00dfend \u00fcber Lissabon in die Vereinigten Staaten. Mit dem jungen Theodor W. Adorno, den er 1921 in Frankfurt a. M. kennen lernte, verband ihn eine zun\u00e4chst launische Freundschaft, die jedoch bis zu Kracauers Lebensende Bestand haben sollte. Von ihrem Leben und ihrer Freundschaft zwischen Krieg, Emigration, Adornos R\u00fcckkehr nach Deutschland und Kracauers Leben in den USA zeugt jener Briefwechsel, der im Original im Deutschen Literatur-Archiv in Marbach aufbewahrt wird und einzusehen ist. 2008 erschienen die Briefe zwischen Kracauer und Adorno in dem siebten Band der Reihe \u201eBriefe und Briefwechsel\u201c. Die meisten Briefe aus den Nachl\u00e4ssen Kracauers und Adornos wurden auf Microfiche \u00fcbertragen und k\u00f6nnen im Marbacher Archiv am Monitor vergr\u00f6\u00dfert betrachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch die Autorennachl\u00e4sse im DLA enthalten im Fall von Kracauer neben Briefen an und von ihm \u2013 wobei Briefe prinzipiell meist seltener erhalten sind, wenn sie nicht an einen anderen namhaften Autor gerichtet sind, wie etwa an Theodor Adorno \u2013 auch sein Karteikastensystem, Schreibpl\u00e4ne, Manuskripte, Fahnen sowie seine private Bibliothek. In den Ausstellungen im Literaturmuseum der Moderne l\u00e4sst sich Kracauers Schreibplan zu <em>From Caligari to Hitler <\/em>(1947) bestaunen, der sich als Sichtschutz auf dem Schreibtisch aufstellen und auch falten l\u00e4sst. Es ist ein Zeugnis von Kracauers systematischer und strukturierter Arbeitsweise.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Siegfried Kracauers Nachlass birgt verschiedene Perspektiven. In den Briefen an Adorno erkennen wir ihn als Freund und Intellektuellen. In den Randnotizen in den Schriften und B\u00fcchern seiner privaten Bibliothek erkennt man den Kritiker und systematischen Denker. Auch Briefe \u00fcber ihn, etwa posthum die Briefe zwischen Lili Kracauer und Theodor Adorno gew\u00e4hren weitere Einblicke in das Wesen Kracauers und Perspektiven auf die &#8218;Beziehungskisten&#8216; gro\u00dfer Autoren.Aber nicht nur in seiner Rolle als Schriftsteller, als Autor ist Siegfried Kracauer von gro\u00dfer Bedeutung; er war auch ein vertrauter Freund und Kritiker.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Kracauers Gedankengeb\u00e4ude<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beim Vertiefen in Kracauers Nachlass wird schnell klar, dass der ehemalige Architekturstudent, Redakteur, Soziologe und Filmtheoriker ein pers\u00f6nliches, strukturiertes Archiv besa\u00df, auf das er schnell zugreifen konnte. In zahlreichen Karteik\u00e4sten ordnete Kracauer Zettelchen jeder Papierdicke und Machart, die er mit Verweisen, Zusammenfassungen und Querverweisen beschrieb. Viele B\u00fccher seiner pers\u00f6nlichen Bibliothek versah er beim Lesen mit Notizen und in einige schrieb er eigene Inhaltsverzeichnisse. Er erschuf sich \u201eWissensgeb\u00e4ude\u201c, an dem jede Information seinen festen Platz hatte; dies diente der leichteren Zug\u00e4nglichkeit seiner eigenen Gedanken zur verschiedenen Theorien, Werken und Autoren; machte die Informationen \u201ebegehbar\u201c und das Wiederauffinden von Gedankeng\u00e4ngen nachvollziehbar durch das logische Ger\u00fcste des Ordnungssystems. So verlieh er seinen Gedankeng\u00e4ngen eine physische Pr\u00e4senz. Dieses System, dieses (Zu)Haus(e) an verbauten Wissen und Gedanken hatte auch den einen oder anderen Schwachpunkt: Kracauer beschriftete ein Fach in einem seiner Karteik\u00e4sten schlicht mit \u201eDon&#8217;t know where\u201c (Dt. \u201eIch wei\u00df nicht wo(hin damit)\u201c). <a href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Kracauer_0031.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-1738\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Kracauer_0031-370x243.jpg\" alt=\"kracauer_0031\" width=\"352\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Kracauer_0031-370x243.jpg 370w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Kracauer_0031-175x115.jpg 175w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Kracauer_0031-750x493.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Lesespuren und handschriftlichen Dokumente bieten gleichzeitig einen Zugang zu Siegfried Kracauers Gedankenwelt, dem Architekt hinter diesen \u201eWissensgeb\u00e4uden\u201c. Die Art und Weise, wie er den chaotischen Raum von Erinnerungen, Gelesenem und Wissen ordnete, l\u00e4sst R\u00fcckschl\u00fcsse darauf zu, wie seine eigene Gedankenarbeit ausgefallen sein k\u00f6nnte. F\u00fcr sein <em>From Hitler to Caligari<\/em> erstellte er sich einen detaillierten Schreibplan auf mehreren Kartonagen, die er auf seinem Arbeitsplatz aufstellte, den er w\u00e4hrend des Schreibens seines Buches vor Augen hatte. Einige der B\u00fccher, mit denen Kracauer wissenschaftlich arbeitete, versah der Filmtheoretiker mit eigenen Inhaltsverzeichnissen und schrieb oft Querverweise und Wertungen an den Rand der Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Kracauer als Kritiker und Freund<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei seinen Rezensionen und Rezeption von Literatur zeugen nicht nur seine Notizen und Inhaltsverzeichnisse davon wie systematisch er seine Kritiken erarbeitet, sondern auch Listen, mit zwei Spalten, \u00e1 good und bad zeigen dies. Kracauers \u2013 subjektive \u2013 Wertungen stellen die Kriterien seiner Individualethik dar . B\u00fccher und gesammelte Notizen sind Konstanten und strukturierende Elemente im chaotischen Leben des Exilanten. Die Papierqualit\u00e4t der Karteikarten und teilweise selber gebastelte K\u00e4rtchen und Ordnungskarten lassen die Entbehrungen der harten Exilzeit in Frankreich erahnen, in der Kracauer \u2013 wie oft in seinem Leben \u2013 finanziell zu k\u00e4mpfen hatte und unter dem Druck stand, sich durch Ver\u00f6ffentlichung aus der Notlage zu befreien. Sein Karteikartensystem ordnete und machte Notizen, Gedanken und Theorien leicht und in destillierter Form zug\u00e4nglich \u2013 auf der Flucht war ein Karteikasten vermutlich leichter zu transportieren als eine private Bibliothek. Besondere Bewunderung bringt er gegen\u00fcber Adornos scheinbar unersch\u00f6pfliche Schaffenskraft und Arbeitsmoral auf, wie er wiederholt, etwa in einem Brief vom 27. August 1955, schreibt: \u201eWie Du das alles fertig bringst \u2013 [\u2026] \u2013 ist mir ein Raetsel,\u201c Kracauers eigenen Leistungen waren dabei nicht unerheblich. Er setzte seine wissenschaftliche Karriere trotz Verfolgung nicht nur fort, sondern eignete sich auch die jeweilige Sprache f\u00fcr seine wissenschaftliche Arbeit an. Bereits w\u00e4hrend Kracauers Zeit in Frankreich war der Autor bestrebt, die Landessprache auch f\u00fcr seine Arbeit und Forschung zu nutzen. Nach der Emigration in die USA wechselte der eigentlich frankophile Kracauer daher ins Englische. W\u00e4hrend er Briefe an deutsche Freunde in Deutsch schreibt, kommentiert er \u2013 auch deutsche Texte \u2013 vornehmlich Englisch und verfasst seine eigenen Texte und B\u00fccher ebenfalls auf Englisch. Theodor W. Adornos Warnung, dass er und Kracauer Entscheidendes nur auf Deutsch schreiben k\u00f6nnten, beantwortet Siegfried Kracauer in seinem Brief vom 5. September 1955, dass dies f\u00fcr literarische Texte zwar zutreffen k\u00f6nnte, aber nicht f\u00fcr \u201eWerke des Gedankens, der Theorie \u2013 und ich meine hier eigenste Gedanken, eigenste Theorie. Wie schoen waere es, darueber einmal muendlich mit dir zu diskutieren. Mein Stilideal ist, dass die Sprache in der Sache verschwindet wie der chinesische Maler im Bild, wobei ich mir bewusst bin, dass der Maler und das Bild, der Denker und die Sache eines sind \u2013 up to a point.\u201c (Brief an Adorno, 5. September 1955). Etwa dreieinhalb Jahre sp\u00e4ter, wird das Thema im Briefwechsel noch einmal aufgegriffen: \u201eMit dem Deutsch schreiben hast Du recht\u2013 up to a point, wie ich dir schon mal schrieb. Ganz stimme ich dem bei was Du ueber Uebersetzungen sagst: eine, die kuerzlich vom ersten Kapitel \u2013 ueber Photographie \u2013 gemacht wurde, war ein solcher Skandal, dass ich die Autorization verweigerte.\u201c (Brief an Theodor W. Adorno 15. Februar 1959)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf zwei unterschiedlichen Kontinenten, vertieft in die jeweils eigene Arbeit, kamen die Freunde nicht mehr oft dazu, die Werke des anderen genau zu lesen. Die Werke Adornos in Kracauers pers\u00f6nlicher Bibliothek, sind zum gr\u00f6\u00dften Teil unkommentiert, bis auf Adornos Widmung an seinen Freund Siegfried Kracauer alias \u201eFriedl\u201c. Das die B\u00fccher offenbar ungelesen blieben, deutet nicht etwa auf einen Zerfall der Freundschaft hin, sondern auf deren Fortbestand wider der r\u00e4umlichen Umst\u00e4nde. Die B\u00e4nde mit den pers\u00f6nlichen Widmungen, die in Kracauers Bibliothek zu finden sind, sollten nicht als B\u00fccher, sondern als Objekte, die einen gro\u00dfen emotionalen Wert inne liegt, betrachtet werden. Kracauer fand schlicht nicht die Zeit Adornos B\u00fccher nach Erscheinen ausf\u00fchrlich zu rezensieren und zu rezipieren<strong>.<\/strong> \u201eIch wuenschte ich koennte dir viel ueber Deine Wagner Studie schreiben, die zu besitzen mich so freut, aber ich habe leider, leider nicht die Zeit fuer diese Dinge, die doch am wichtigsten sind. Warum kann man sich so selten sehen? Dann waere vieles viel leichter.\u201c (Brief an Theodor W. Adorno am 27. September 1953) Auch wenn ein reger Austausch nur selten m\u00f6glich war, in den Briefen wird\u00a0 deutlich, dass kleinere Texte und Aufs\u00e4tze sehr wohl, teilweise vor Erscheinen, von Kracauer gegengelesen wurden. Ausf\u00fchrliche Notizen, Lob und Kritik wurden transatlantisch per Post ausgetauscht. Viele von Adornos Gedankeng\u00e4nge resonierten mit Kracauers eigener Denkweise; Er lieh sich einige davon f\u00fcr seine eigene Arbeit. In seinem Brief an Adorno vom 27. August 1955 schreibt Kracauer seine R\u00fcckmeldungen zu drei k\u00fcrzeren Texten des Freundes. \u201eDen Satz in Deinem Proust Vortrag, dass Proust kleinste Elemente des Wirklichen als Kraftfelder aufschliesst, werde ich wahrscheinlich irgendwo in meinem Buch zitieren.\u201c Dieses Lob h\u00e4lt Kracauer jedoch nicht davon ab, Adorno auf Begriffe, die sich \u201eschief\u201c anf\u00fchlen,hinzuweisen, und ihn f\u00fcr seine mangelnde Genauigkeit \u201eim Kleinen\u201c zu schelten, oder zu gestehen, dass er mit Adornos (bei Kracauer unvollst\u00e4ndig eingetroffenen) Artikel zur musikalischen Warenanalyse \u201eoffengestanden\u201c nichts anfangen kann. Trotz Adornos Protest h\u00e4lt Kracauer standhaft an der Kritik fest. \u201e[S]o glaube ich nicht, dass die baiden [sic] fehlenden Seiten meine Einstellung dazu wesentlich geaendert haetten[.] [\u2026] Meine Reaktion zu dem Aufsatz hat im uebrigen wenig mit seinem anachronistischem Ton zu tun, der mir nicht entgangen war.\u201c (Brief 5. Sept. 1955) Doch obwohl Lili von \u201egrossen Gegens\u00e4tze des Denkens und der Gedanken\u201c zwischen den Freunden in einem Brief vom 12. August 1969 an Gretel Adorno schreibt, \u00fcberschnitten sich die Gedankenwelten der Freunde sehr wohl: \u201eich habe Dir nie fuer Deinen Aufsatz, \u201eSoziologie und empirische Forschung,\u201c mit der lieben pers\u00f6nlichen Widmung gedankt.\u201c schreibt Kracauer am 22. April 1958 an Adorno. \u201eMeine Entschuldigung ist nicht einmal, dass ich ensetzlich ueberarbeitet bin, sondern etwas anderes; ich stimme in allem Prinzipiellen so vollkommen mit Dir ueberein, dass ich den Aufsatz in seinem kritischen Teil fast wie eine eigene Aeusserung betrachtete und ihn als solchen mir sozusagen einverleibte. And that was that.\u201c (Brief vom 22. April, 1958)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aus den Briefen ist ersichtlich, wie gro\u00df der Ideenaustausch und die Diskussionen zwischen den beiden Autoren waren, die sich bei den Besuchen der Kracauers in Europa und den Zusammentreffen mit den Adornos fortsetzten. Die geistigen Listen \u00fcber Themen und Diskussionspunkte f\u00fcr ihre Gespr\u00e4che lassen sich aus den Briefen erahnen, in denen versucht wird, ein Treffen zu koordinieren und einen gemeinsamen Termin zu finden. In den Dokumenten von den Nachl\u00e4ssen in Marbach finden sich auch die Kracauers Korrekturen von Adornos Aufsatz \u201eAufzeichnungen zu Kafka\u201c. \u201ethis is a real find!\u201c schreibt er \u00fcber das von Adorno angef\u00fchrte Zitat von James Fennimore Cooper. Die Aussage, dass &#8218;Kafka das Recht f\u00fcr Surrealismus f\u00fcr sich in Anspruch nehmen kann&#8216;, quittiert Kracauer mit einem Fragezeichen. Zwei S\u00e4tze sp\u00e4ter, neben den Satz \u201eEr ist die Schrift gewordene Turandot.\u201c schreibt Kracauer \u201egood. but not relevant.\u201c Oft schreibt er kurze Kommentare, Referenzen, \u201egood\u201c, \u201eright\u201c und \u201every good\u201c oder einfach nur Fragezeichen. Aber auch entschiedene \u201eNo\u201cs , gleich zwei, mit Ausrufezeichen und unterstrichen nebst Adornos Textpassage \u201eSein Werk hat den Ton des Ultralinken; wer es aufs allgemein Menschliche nivelliert, verf\u00e4lscht ihn bereits konformistisch.\u201c Kracauers kategorisches Urteilen ist eine ethische, nat\u00fcrlich auch subjektive, Wertung. Die Rolle des Kritikers ist eine Ethische . Es ist nicht unproblematisch, den Kritiker zu einer ethischen Instanz zu erheben. Trotzdem kann Parallelit\u00e4t entdeckt werden. Die Ethik fragt unter anderem nach dem Guten und nach dem richtigen Handeln in bestimmten Situationen. Im kleineren Rahmen tut der Kritiker dasselbe mit den Texten, die er betrachtet. Sind die Gedanken \u201egut\u201c und vertretbar, die Zitate, in diesem Kontext, passend? Inwiefern kann der Kritiker, in diesem Fall Siegfried Kracauer, mit dem Text \u00fcbereinstimmen? Ulrich Johannes Schneider schreibt in \u201eKein Schreiben ohne Lesen. \u00dcber Autorenbibliotheken.\u201c \u201eMarcel Proust hatte schon fr\u00fcher in <em>Sur la lecture <\/em>notiert, dass das Lesen niemals blo\u00dfe Aufnahme oder Aneignung sei, eher absichtlich gesuchte Auseinandersetzung. F\u00fcr Proust steht fest: Man liest, um besser schreiben zu k\u00f6nnen, man gestattet fremden Geistern \u00fcber die Lekt\u00fcre Zutritt zum eigenen Verstand \u2013 und weist sie sp\u00e4ter ab (Proust 1988: 19-21, 29-30)\u201c Adornos Aufsatz, von Siegfried Kracauer annotiert, ist ein fassbarer Gegenstand dieser durch Lesen hervorgerufene Auseinandersetzung, die, durch den Akt des Lesens, unweigerlich fortsetzt wird, auch in diesem kurzen Text. Durch diese textgewordenen Auseinandersetzungen wird ein anderer Siegfried Kracauer sichtbar, als der in den ausgefeilten, mehrfach \u00fcberarbeiteten Texten wie <em>Theory of Film <\/em>zu entdecken ist<em>. <\/em>Durch Kracauers&#8216; Reaktionen und Kommentare zu \u201eAufzeichnungen zu Kafka\u201c ist es fast, als ob man Siegfried Kracauer beim Lesen \u00fcber die Schulter schauen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Besondere der Forschung an Nachl\u00e4ssen im Archiv ist, dass, mit etwas Gl\u00fcck, viele von den B\u00fcchern, Manuskripten und Objekten eines Autors erhalten sind. Dadurch wird nicht nur nachvollziehbar, wie ein Autor wie Kracauer B\u00fccher und Kritiken schreibt; durch die Bibliothek l\u00e4sst sich erahnen, welche Werke und Schriften die ethisch beurteilenden Person beeinflusste, was aufgenommen und, m\u00f6glicherweise, wieder abgestossen wurde. In Kracauers Nachlass lassen sich nicht nur Briefe von und an den Autor finden, sondern auch von Angeh\u00f6rigen, wie etwa den Ehefrauen von Kracauer und Adorno. Siegfried Kracauers Tod l\u00e4sst die Menschen, die ihm nahe standen \u00fcber ihn reflektieren. (etwa im Brief Lili Kracauers and Theodor W. Adorno 19. Maerz 1967.) Gerade die Briefe und Eiltelegramme zwischen T.W. Adorno und der gerade verwitweten Lili Kracauer werfen einen besonderen, posthumen Blick auf Kracauers Wesen als Pers\u00f6nlichkeit und als Autor. Die schriftliche Kommunikation zwischen Lili Kracauer und Theodor W. Adorno, vor Kracauers Ableben eher sp\u00e4rlich und via Siegfried Kracauer, nimmt in den Folgejahren zu. Das Thema dieser Briefe ist der gemeinsam verlorene Mensch, sein Nachlass, aber auch Lilis Kritik an Adornos Nachruf an den verstorbenen Freund. Auch Lili Kracauers Brief von Witwe zu Witwe an Gretel Adorno nach dem Tod von Theodor f\u00fchrt zur\u00fcck zu Kracauers Pers\u00f6nlichkeit. Kracauer und Adorno, durch ihre fr\u00fchbeginnende (zumindest f\u00fcr Adorno) und langj\u00e4hrige Freundschaft sind in ihrer Pers\u00f6nlichkeit und Werdegang tief ineinander verwurzelt. Nicht B\u00fccher, Ereignisse und Theorien allein haben Siegfried Kracauers Wesen geformt \u2013 es waren auch die Freundschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bildrechte: Copyright Chris Korner\/DLA-Marbach<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Siegfried Kracauer \u2013 Freund, Autor und Kritiker Die Person Siegfried Kracauer von Stephanie Forristall Das Leben Siegfried Kracauers war gepr\u00e4gt von der politischen Lage des <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/siegfried-kracauer\/\" title=\"Siegfried Kracauer\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1726"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1726"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1726\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1739,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1726\/revisions\/1739"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}