{"id":1705,"date":"2016-12-06T21:52:03","date_gmt":"2016-12-06T19:52:03","guid":{"rendered":"http:\/\/ethik-msc.phil.uni-augsburg.de\/?p=1705"},"modified":"2016-12-06T22:04:57","modified_gmt":"2016-12-06T20:04:57","slug":"paul-celan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/paul-celan\/","title":{"rendered":"Paul Celan"},"content":{"rendered":"<h3><strong><em>\u201eIch hoffe, Sie schaden der Technik\u201c<\/em><\/strong><\/h3>\n<p><strong>Paul Celans ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Naturwissenschaft\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Paul Celan bedient sich in seiner Lyrik mannigfaltiger Begriffe aus dem Vokabular der Naturwissenschaften und der Technik. Woher stammen diese W\u00f6rter und warum tendiert der deutsche Nachkriegsdichter dazu, sein Werk mit \u201eUhrwerk\u201c, \u201eZ\u00fcndschnur\u201c, \u201eFlugschreibern\u201c, \u201eCorona\u201c und \u201ePlaneten\u201c anzureichern?<\/p>\n<p>Von den B\u00fcchern und Briefen in seinem Nachlass erhoffen wir uns, Antworten auf diese Fragen zu finden. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ist ein idealer Ort, um Einblicke zu erhalten, wie\u00a0 bekannte Autoren mit Texten anderer Autoren gearbeitet und interagiert haben. Dort findet man eine beinahe un\u00fcberschaubare, doch gut katalogisierte Reihe von B\u00fcchern, Briefen und Handschriften, zerlesen, angestrichen und voll von Spuren der Arbeit l\u00e4ngst verschiedener Literaten.<\/p>\n<p>Doch so sehr die hinterlassenen Bibliotheken der Autoren eine wunderbare, verl\u00e4ssliche Quelle zu sein scheinen, so sehr einem das Herz in den Schatzkammern unter der Schillerh\u00f6he in Marbach beim St\u00f6bern aufgeht, so tr\u00fcgerisch ist es doch, wenn man unbedacht und vorschnell davon ausgeht, einfach verl\u00e4ssliche R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen zu k\u00f6nnen: In Marbach findet sich zwar ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Kompendium an Schriftst\u00fccken, dennoch sind hier bei weitem nicht alle der B\u00fccher, Zeitungen und Briefe aus dem Besitz eines Autors vorhanden, man blickt lediglich auf den Teil eines Ausschnitts eines Teiles\u2026<\/p>\n<p>Und selbst wenn sich die Suche ergiebig zeigt, darf man doch nicht den Fehler begehen, von naheliegenden Vermutungen auf Tatsachen zu schlie\u00dfen. Ein Autor mag eine bestimmte Stelle in einem Buch wom\u00f6glich angestrichen, doch sp\u00e4ter in seinen \u00dcberlegungen wieder g\u00e4nzlich verworfen haben; vielleicht war nur die ganz indirekte Wirkung der gesamten Lekt\u00fcre eines Kapitels relevant; vielleicht sieht das Buch gelesen aus und einige Kapitel wurden dennoch \u00fcbersprungen; vielleicht stammen Linien am Rand vom Vorbesitzer und nicht vom Autor selbst; vielleicht sieht das Buch v\u00f6llig ungelesen aus, der Autor besa\u00df aber vorher ein Exemplar, das er gr\u00fcndlich durchgearbeitet hat. Au\u00dferdem gibt es selbstverst\u00e4ndlich neben den intertextuellen Einfl\u00fcssen noch viele weitere, die sich auf die Textproduktion auswirken, die vielleicht nicht oder nicht sehr gut nachvollzogen werden k\u00f6nnen (Gespr\u00e4che, Lesungen, Theater, Opern, alle m\u00f6glichen Erlebnisse,&#8230; eine lange Liste meist viel wichtigerer Einfl\u00fcsse). F\u00fcr die Erarbeitung wissenschaftlicher Schl\u00fcsse scheinen dies bei weitem zu viele \u201evielleichts\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Dass es nicht ganz so schlimm bestellt ist, zeigt sich am Autor Paul Celan, von dem man sagt, dass er auf der Ebene der W\u00f6rter Material in anderen Texten sucht, dieses oft anstreicht und dann seine Lyrik mit den aus dem urspr\u00fcnglichen Kontext gerissenen Vokabular anreichert. So gibt es bei ihm mannigfache Erw\u00e4hnungen von W\u00f6rtern aus einem technisch-naturwissenschaftlichen Kontext, von denen wir glauben, dass man sie direkt in von ihm besessenen B\u00fcchern angestrichen vorfinden k\u00f6nnte. So haben wir uns in Marbach ein paar Tage Zeit genommen, um systematisch in der Autorenbibliothek Paul Celans und in den von ihm und an ihn geschrieben Briefen, die auch in Marbach hinterlegt sind, nach Spuren der technisch-naturwissenschaftlichen Wortfelder zu suchen, die wir gleichzeitig auch in seinen Gedichten gefunden haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erste F\u00e4hrten zwischen vergilbten Seiten aus den 50ern<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-1711 aligncenter\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan1.jpg\" alt=\"celan1\" width=\"717\" height=\"102\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan1.jpg 577w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan1-175x25.jpg 175w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan1-370x53.jpg 370w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/a>Im Rahmen des Blockseminars im Deutschen Literaturarchiv in Marbach teilte sich das Vorgehen der Gruppe in verschiedene Schritte auf, die der oben dargestellten Abbildung entnommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer ersten individuellen Analysephase galt es, einen \u00dcberblick \u00fcber die knapp 4.700 B\u00fccher in der Autorenbibliothek Paul Celans zu gewinnen. Dabei wurde der Bestand von allen Gruppenmitgliedern auf das Vorhandensein von Naturwissenschafts- oder Technikb\u00fcchern analysiert. Entsprechende Werke wurden im Anschluss auf deren offensichtlichen Gebrauch hin untersucht, um eine Aussage dar\u00fcber zu erm\u00f6glichen, ob diese von Celan gelesen wurde. Dar\u00fcber hinaus galt es, Provenienzspuren verschiedenster Art zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser ersten Analyse wurden zusammengetragen und f\u00fcr das weitere Vorgehen wurden mehrere Thesen erarbeitet, die im Zuge des Aufenthaltes in Marbach \u00fcberpr\u00fcft werden sollten:<\/p>\n<p>These 1: Celan liest Naturwissenschafts- und Technikb\u00fccher, um seinen Wortschatz zu erweitern.<\/p>\n<p>These 2: Es gibt einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Rubriken gelesener Lehrb\u00fccher und Celans lyrischer Aufarbeitung historischer Ereignisse.<\/p>\n<p>Um diese Thesen zu \u00fcberpr\u00fcfen, haben wir die Gruppe aufgeteilt. Zum einen haben wir alle Gedichte Celans (mit Kommentar) rezipiert und die dort alle W\u00f6rter aus dem naturwissenschaftlich-technischen Feld angestrichen und in einer Liste vermerkt. Zum anderen haben wir die gesamte Marbacher Autorenbibliothek Paul Celans nach B\u00fcchern durchsucht, die thematisch relevant sein k\u00f6nnten (ebenfalls seine Briefwechsel). Die darin gefundenen W\u00f6rter (samt einiger Zusatzinformationen) haben wir ebenfalls in einer Liste verzeichnet, um dann im Vergleich dieser Listen eventuell kleine Sch\u00e4tze bergen zu k\u00f6nnen, die sich in Marbach vermutlich noch zuhauf verbergen.<\/p>\n<p>Ferner wurden verschiedene Korrespondenzen Celans inhaltlich analysiert, um eine m\u00f6gliche Auseinandersetzung und Aufarbeitung historischer Ereignisse zu identifizieren. Zum Ende der Arbeitsphase wurden die Ergebnisse zusammengetragen. Diese werden im Folgenden kurz vorgestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feuer mit Feuer bek\u00e4mpfen \u2013 Eine empirische N\u00e4herung<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis der empirischen Arbeiten wird an drei Werken der Autorenbibliothek Celans illustriert. Im Wesentlichen bestand unser Vorgehen darin, zwei Cluster zu erstellen und diese Listen dann zu vergleichen. In der einen vermerkten wir Titel, Erscheinungszeit, ein m\u00f6gliches Thema und sonstige Informationen einschlie\u00dflich aller markanten W\u00f6rter aus naturwissenschaftlich-technischen Wortfeldern zu allen Gedichten Celans. In der anderen Liste haben wir alle Anstreichungen in von ihm gelesenen \u2013 oder zumindest besessenen \u2013 B\u00fcchern vermerkt (wieder samt Kontextinformationen wie Erscheinungsjahr des Buches usw.). Scheinbar untermauern konnten wir die 1. These insbesondere mit den Werken von Lincoln Lee zur Flugzeugtechnik, Friedrich Behns Abhandlung zur Kultur der Urzeit und Alan Isaacs Einf\u00fchrung in die Naturwissenschaften der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>Aus unserer Perspektive schlossen wir also, dass Celan wohl technisch-naturwissenschaftliche B\u00fccher haupts\u00e4chlich zur Erweiterung seines Wortschatzes nutzte. Doch ein direkter Verglich mit der anderen Liste ergab aber keine einzige tragf\u00e4hige \u00dcbereinstimmung der Art, dass Celan vor dem Verfassen eines Gedichtes in ihm verwendete W\u00f6rter in einem Buch seiner Autorenbibliothek wirklich angestrichen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Um These 2 zu \u00fcberpr\u00fcfen sind wir entgegengesetzt vorgegangen und haben ausgehend von den Gedichten Celans in seiner Bibliothek nach \u00dcbereinstimmungen gesucht. Unsere Vermutung bestand unter anderem darin, dass die Gedichte \u201eAssisi\u201c und \u201eHIER\u201c in der Folge einer m\u00f6glichen Besch\u00e4ftigung Celans mit dem Manhattan-Projekt und den Atombombenabw\u00fcrfen von Hiroshima und Nagasaki und der daraus resultierenden Atomkatastrophe entstanden. Aber es fanden sich wiederum leider keine B\u00fccher in der Autorenbibliothek, die auf eine Besch\u00e4ftigung mit Kernphysik, Raketentechnologie oder speziell den Bombenabw\u00fcrfen schlie\u00dfen lassen. Eine Ausnahme machte das vielversprechende Lehrwerk \u201eDas neue Denken der Physik\u201c von Arthur March, welcher sich unter anderem mit Themen der Kerntechnologie und deren ziviler und milit\u00e4rischer Nutzung auseinandersetzt. Doch auch hierin fanden wir keine Provenienzspuren. Das Buch wirkte im Wesentlichen ungelesen.<\/p>\n<p>Auch eine vielversprechende Spur in der Korrespondenz mit Professor Walter H\u00f6llerer erwies sich als nicht tragf\u00e4hig f\u00fcr Aussagen zu Celans Positionen gegen\u00fcber historischen Entwicklungen in der Technik. Hier sei jedoch wie bereits erw\u00e4hnt angemerkt, dass wir lediglich einen kleinen Ausschnitt aus dem schriftlichen Leben Celans vorliegen hatten, eine These an dieser Stelle zu best\u00e4tigen oder auch zu verwerfen w\u00e4re verfr\u00fcht. Da uns die Empirie bei unserer Suche nicht die erwarteten Ergebnisse lieferte, wollen wir uns Celans Umgang mit Naturwissenschaft und Technik nun aus einer geschichtlich-literaturwissenschaftlichen Warte n\u00e4hern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Atomtests und Mondlandung \u2013 Der Einfluss des \u201etechnischen Zeitalters\u201c\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele das neue \u201atechnische Zeitalter\u2018 willkommen hei\u00dfen \u2013\u00a0 VW feiert 1955 in Wolfsburg die Produktion des Volkswagens, erste strahlengetriebene Verkehrsflugzeuge erschlie\u00dfen die schnelle Reise von und nach Amerika und der Fernseher h\u00e4lt Einzug in deutsche Wohnzimmer, so stehen doch bei weitem nicht alle der technischen Revolution positiv gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-1713\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan2.jpg\" alt=\"celan2\" width=\"247\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan2.jpg 282w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan2-120x175.jpg 120w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan2-254x370.jpg 254w\" sizes=\"(max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><\/a>Auch H\u00f6llerer, den Celan mit seinem Gratulationsschreiben zum \u201aSchaden an der Technik\u2018 ermahnt, will die Grenzen und die \u00dcberschneidungen von Technik und Sprache kritisch ausloten.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Im ersten Heft von <em>Sprache und Technik, <\/em>das er nach seiner Berufung an die TU ver\u00f6ffentlicht, schreibt er: \u201eNicht einer \u201aSprache der Technik\u2019 wird hier das Wort geredet, noch soll die Sprache auf ihre z\u00e4hlbaren, mechanischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, sondern der notwendige Gebrauch und Widerstand der Sprache in einem durch die Technik beeinflussten Jahrhundert ist zu untersuchen.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend H\u00f6llerer trotz kritischer Auseinandersetzung positiv gestimmt bleibt, h\u00e4lt sich Celan \u00fcberaus reserviert. So schreibt er beispielsweise lieber Briefe, statt zu telefonieren und verfasst Gedichte, die den Menschen isoliert, bedroht und entfremdet zur Technik kontrastieren. Dass Celan der Technik skeptisch gegen\u00fcbersteht, verwundert nicht. Der Tod seiner Eltern in der industriellen Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager und seine eigenen Erfahrungen im Arbeitslager erinnern ihn stetig daran, wie unmenschlich sich die Technik zeigen kann. Rolf Hochhuth, ein Zeitgenosse Celans, schreibt in diesem Kontext: \u201eDer Mensch kann nicht mehr erfassen, was er fertigbringt.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Die Nachkriegszeit scheint gekennzeichnet von einem wachsenden Bewusstsein einer zunehmenden, der Technologie geschuldeten Entfremdung, einer Dichotomie zwischen Mensch und Maschine, Moral und Automation, poiesis und techne. Potenziert wird das Gef\u00fchl der fast hilflosen Auslieferung des Menschen an die monstr\u00f6sen Erfindungen, die den Erkenntnissen der Naturwissenschaften entspringen, durch ein anhaltendes Klima der Verunsicherung, nicht zuletzt der zaghaft beginnenden Aufarbeitung der Kriegsgr\u00e4uel oder dem Wettr\u00fcsten des Kalten Kriegs geschuldet, als auch punktuellen Krisenerlebnissen, wie dem Sputnikschock, oder, weit schlimmer, Hiroshima, die traumatisch ins Kulturelle Ged\u00e4chtnis einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch so isoliert und verloren das Lyrische Ich in Celans Gedichten auch auftreten mag \u2013 von Kanonenbooten bedroht und in Sanduhren zermahlen, es ist doch keine vollst\u00e4ndige Resignation, die Celan in den Gedichten zum Ausdruck bringt. Celans Lyrik ist keine desillusionierte R\u00fcckwendung hin zu klassischer Dichtung, kein Lobgesang auf das vor-technische Zeitalter; stattdessen sucht er nach einer neuen Sprache. Wendet sich hin zum Neuen, greift den fremden Wortschatz der Fachsprachen auf und macht ihn produktiv f\u00fcr seine Dichtung. Die Anstreichungen, die man in Celans Bibliothek findet, tauchen als Derivate und Komposita, als <em>Wortaufsch\u00fcttung<\/em> und <em>Wortzerfall<\/em> wieder auf.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Er entzieht sie der \u201eideologisch belasteten und automatisierten Sprache\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a> und setzt sie in einen Dialog zwischen Gedicht und Leser, zwischen Vergangenheit und Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autoren lesen Autoren \u2013 Eine Ethik der Rezeption\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Doch wie vo<a href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-1717\" src=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan3.jpg\" alt=\"celan3\" width=\"238\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan3.jpg 294w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan3-117x175.jpg 117w, https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Celan3-248x370.jpg 248w\" sizes=\"(max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/><\/a>llzieht sich nun diese \u00dcbertragung von einem semantischen Kontext in einen anderen und was erreicht Celan damit?<\/p>\n<p>Der ethische Mehrwert der Poetologisierung technischer und\u00a0 naturwissenschaftlicher Begriffe liegt weder darin, den Fachw\u00f6rtern einfach eine poetische Komponente hinzuzuf\u00fcgen, noch darin, neue, glanzvolle Metaphern zu kreieren, sondern vielmehr in dem, was Renate Lachmann \u201eSemantische Explosion\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a> nennt. Das intertextuelle Arrangement erzeugt eine Sinnkomplexion, die \u201ebei der Ber\u00fchrung der Texte eine \u00e4sthetische und semantische Differenz erzeug[t]\u201c<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a>, die der Leser, der \u201eIntertexter\u201c<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a>, wahrnehmen und zu entschl\u00fcsseln versuchen kann.<\/p>\n<p>Folgt man Lachmann, dann kann das Aufrufen intertextueller Bez\u00fcge verschiedenen Zwecken dienen. So kann der intertextuelle Bezug affirmativ teilhabend, auseinandersetzend kritisch, oder transformierend wirken \u2013 der Text kann sich einschreiben in einen traditionellen Diskurs, er kann ihm subversiv begegnen oder ihn g\u00e4nzlich zerschreiben. In jedem Fall aber <em>macht es etwas<\/em> mit dem Text, mit dem aktuellen als auch mit dem urspr\u00fcnglichen: Die Texte treten in einen Bezug zueinander, es wird ein Dialog hergestellt. Von dieser Dialogizit\u00e4t spricht Celan, wenn er in der Bremer Rede statuiert: \u201eDas Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein [\u2026]\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a>. Lyrik ist bei Celan nicht <em>monologisch<\/em>, das Gedicht ist \u201eGespr\u00e4ch\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[x]<\/a>, es sucht nach einem \u201eansprechbare[m] Du\u201c, es ist \u201eunterwegs\u201c<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[xi]<\/a>.<\/p>\n<p>Auf diese Weise kann sich die Dichtung Celans auch der Aufgabe der Aufarbeitung dessen stellen, was sich der Sprache entzieht. Wenn Adorno in seinem Diktum beschw\u00f6rt, dass nach Auschwitz Lyrik zu schreiben, barbarisch sei<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[xii]<\/a>, dann h\u00e4lt ihm die Poetik Celans entgegen, dass die Sprache zwar \u201ehindurchgehen [muss] durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede\u201c, doch verstummen muss sie nicht. Vielmehr soll sie \u201ewieder zutage treten, \u201aangereichert\u2018 von all dem\u201c, wie es Celan in der Bremer Rede umrei\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dunkles sagen \u2013 Auf der Suche nach einer neuen Sprache <\/strong>&#8212; 381 W\u00f6rter<\/p>\n<p>KLOPF die<\/p>\n<p>Lichtkeile weg:<\/p>\n<p>das schimmernde Wort<\/p>\n<p>hat der D\u00e4mmer<\/p>\n<p>An diesem Gedicht Celans aus dem Band <em>Lichtzwang<\/em> l\u00e4sst sich das Vorgehen exemplifizieren, Worte aus einem Kontext in einen anderen, unverwandten zu verlegen und macht am Praxisbeispiel deutlich, was Celan in der Bremer Rede theoretisch beschreibt: \u201eEs ist damit der Versuch gemeint, dem Wort seine Eindimensionalit\u00e4t zu nehmen, es unbestimmter, dadurch aber gerade mehrsagender zu machen.\u201c<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[xiii]<\/a> Dem Lichtzwang \u2013 den starren Lichtkeilen \u2013 setzt Celan also seinen D\u00e4mmer, seine Dunkelheit entgegen, die seine Lyrik aufl\u00e4dt und auf diese Weise der Sprache, in einer Zeit, in der vieles unsagbar blieb, neuen Raum einr\u00e4umt. So gelingt es der Sprache immer wieder aufs Neue, Sinn zu produzieren, ihn wieder zu zersplittern, zu zersetzen und gleich wieder zu potenzieren, zu akkumulieren.<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[xiv]<\/a>\u00a0 An diesem Ort der Mehrdimensionalit\u00e4t, eben der <em>Semantischen Explosion<\/em>, treffen Zeichenanteile unterschiedlicher Kontexte, unterschiedlicher Kulturen, Paradigmen und Diskurse aufeinander, \u00fcberschneiden sich Pr\u00e4senz und Absenz und es entsteht ein \u201eOrt der Interferenz von Texten, die kulturelle Erfahrungen als kommunikative vermitteln und kodieren.\u201c<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[xv]<\/a> Das intertextuelle Gedicht wirkt also einerseits sinnstiftend, sinnproduzierend; anderseits f\u00fcgt es sich ein in den Prozess des Erinnerns, indem sich der Text, \u201eals in einem Beziehungsnetz von Texten ausweis[t].\u201c<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[xvi]<\/a> Vor dem Hintergrund des Gewesenen und des Seienden verarbeitet und schreibt das Gedicht den Prozess des Erinnerns fort, schreibt sich ein in das Kulturelle Ged\u00e4chtnis, als eine Stimme in der Polyphonie der Geschichte. Es entsteht eine \u201eunabschlie\u00dfbare Semiose\u201c, \u201eindem jeder neue Text den quasi toten Text zur Renaissance bringt.\u201c<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[xvii]<\/a><\/p>\n<p>Und so verwundert es nicht, wenn in Celans Gedichten immer wieder mythische Topoi und moderne Termini nebeneinander stehen. Mit \u201eFlugschreibern\u201c und \u201eOpfersteinen\u201c, mit \u201eHimmel\u201c und \u201eTraumantrieb\u201c werden die Gedichte an lange bestehende Kulturmetaphoriken r\u00fcckgebunden und schaffen dennoch etwas Neues:<\/p>\n<p>Eine dunkle Sprache, doch sicher keine wortlose. Eine Sprache, die das Verstummen zul\u00e4sst, und in der sich der Stein dennoch zum Bl\u00fchen bequemt.<\/p>\n<p>_____________________________________________________<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Walter H\u00f6llerer wird im DLA Marbach aufbewahrt. Nachdem H\u00f6llerer 1959 einem Ruf an die Technische Universit\u00e4t Berlin folgt, schreibt ihm Celan neben dem Gl\u00fcckwunsch zur neuen Stelle auch die ironischen Zeilen \u201ehoffentlich schaden Sie der Technik.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Joachim Kalka, Lobrede auf eine Zeitschrift. Onlinever\u00f6ffentlichung auf: Sprache im Technischen Zeitalter. http:\/\/www.spritz.de\/index.php?module=Pagesetter&amp;func=viewpub&amp;tid=4&amp;pid=12. Abgerufen am 21.01.2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1963, 178f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Vgl. Peter Horst Neumann: Zur Lyrik Paul Celans. G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht 1968, 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> J\u00fcrgen Lehmann: Kommentar zu Paul Celans &#8222;Sprachgitter&#8220;. Heidelberg: Winter 2005, 58.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Renate Lachmann: Ged\u00e4chtnis und Literatur: Intertextualit\u00e4t in der russischen Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990, 57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Ebenda, 57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Ebenda, 63.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Paul Celan: Ansprache anl\u00e4sslich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen, in: Beda Allemann (Hg): Ausgew\u00e4hlte Gedichte. Zwei Reden. Frankfurt a. M. 1968, 186.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[x]<\/a> Ebenda, 198.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[xi]<\/a> Ebenda, 186.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[xii]<\/a> Theodor W. Adorno: <em>Kulturkritik und Gesellschaft.<\/em> In: <em>Gesammelte Schriften<\/em>, Band 10.1, S. 30: Kulturkritik und Gesellschaft I, \u201ePrismen. Ohne Leitbild\u201c. Suhrkamp Wissenschaft, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-07172-6.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[xiii]<\/a> Heinz Michael Kr\u00e4mer: Eine Sprache des Leidens. M\u00fcnchen [u.a.]: Kaiser [u.a.] 1979 , 152.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[xiv]<\/a> Vgl. Renate Lachmann, Art. Intertextualit\u00e4t, in: Ulfert Ricklefs (Hg.), Das Fischer Lexikon Literatur, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1996, S. 794-809, 807.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[xv]<\/a> Renate Lachmann: Ged\u00e4chtnis und Literatur: Intertextualit\u00e4t in der russischen Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990, 63.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[xvi]<\/a> Renate Lachmann, Art. Intertextualit\u00e4t, in: Ulfert Ricklefs (Hg.), Das Fischer Lexikon Literatur, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1996, S. 794-809, 794.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[xvii]<\/a> Ebenda, 808.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>\u201eIch hoffe, Sie schaden der Technik\u201c Paul Celans ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Naturwissenschaft\u00a0 Paul Celan bedient sich in seiner Lyrik mannigfaltiger Begriffe aus dem Vokabular der <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/paul-celan\/\" title=\"Paul Celan\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1705"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1705"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1725,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1705\/revisions\/1725"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethik-der-textkulturen.de\/etk\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}